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 Betreff des Beitrags: 30 Tage, 30 Kurzgeschichten
 Beitrag Verfasst: Do 1. Apr 2021, 02:09 
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Registriert: Mi 23. Jan 2019, 18:15
Beiträge: 428
Wortlisten:

1. Geräusch der Stille / Grün
2. Perplex / Spielverderber
3. Magie / Ich habe/halte dich
4. Frühstück / Akne/Pickel/Warze
5. Unheilig / 99 Cent/Münzen
6. hetzen/rasen / Brief/Mail
7. Gemisch/Mischung / Es tut mir leid
8. Armut / Herrscher
9. Im Kühlschrank / Teppich
10. Schmerz / Spiegel
11. Rennmaschine/Rennpferd / Das ist Folter
12. Bastelpapier / Höhlen
13. Notizbuch / Linienverkehr
14. Leim / Verwirrung/Chaos
15. Speichel/Spucken / Träumer
16. Ängstlich / Marionette
17. Gefühllos / Surfen
18. Fächer / Typ
19. Pünktlich / Perplex
20. Zähigkeit / Der Boss
21. Büchse/Können / Nicht für dich
22. Bier ist hier / Wagenrad
23. Weisheit / Griff/Hebel
24. Schlampe / Halskette
25. Mitleid / Pause
26. Vulkan / Die Mitte
27. Karamell / Droge/Löschpapier
28. Dagegen / Strenggläubig
29. Einführung/Vorstellungsrunde / Wal
30. Hektar / Von Hand


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 Betreff des Beitrags:
  Verfasst: Do 1. Apr 2021, 02:09 
 


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 Betreff des Beitrags: Re: 30 Tage, 30 Kurzgeschichten
 Beitrag Verfasst: Do 1. Apr 2021, 02:35 
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Registriert: Di 19. Mai 2020, 20:06
Beiträge: 4
1. Das Geräusch der Stille

Reglos verharre ich in der kleinen Gasse, kauere mich hinter den grossen Stein, der irgendwann aus einer der höhergelegenen Mauern gebrochen und hier heruntergestürzt ist. Mein Herz rast, das Blut rauscht in meinen Ohren und es ist so laut, so unsäglich laut! Ich versuche, so leise zu atmen wie möglich, aber jeder Atemzug klingt wie ein lautes Zischen, und je mehr ich mich zusammenreissen will, desto mehr schreien meine Lungen nach Luft, desto heftiger, gepresster und lauter ist mein keuchender Atem. Ich verlagere das Gewicht, das Leder meines Stiefels knarzt, feiner Kies knirscht unter der Sohle, und ich stürze mich an dem Mauerbrocken ab und schliesse die Augen. Sind Schritte zu hören? Ist jemand hier?Wieso nur habe ich den Kerl schlagen müssen? Wie dumm war ich, nicht einfach wegzulaufen? Ich bin flink wie eine Strassenkatze, ich hätte diesen halborkischen Klotz locker abhängen können. Aber nein, natürlich musste es wieder einmal mit mir durchgehen, natürlich musste ich ihm eine reinhauen... Und natürlich hat er die Ordinatoren gerufen... Verflucht, ein Halbork, der zur Stadtwache rennt, wo gibt es denn sowas?Ruhig atmen... Mein Keuchen muss meilenweit zu hören sein, und ich glaube, es ist das Lauteste, was man von mir hören kann. Das Hämmern meines Herzens in meinen Ohren? Ich glaube, hoffe, dass nur ich selber es hören kann, genauso wie das Rauschen des Blutes, immer noch in Wallung von meiner panischen Flucht. Es ist still. Keine Schritte, keine Rufe, kein Knirschen von Rüstungen... Stille. Niemand verirrt sich in die Gassen der untersten Ebene. Niemand ausser dem Abschaum, dem Pack, von dem die Graue Stadt so gern behauptet, dass es nicht existiert. Obdachlose und Bettler? Taschendiebe? Meuchelmörder und Beutelschneider? Aber doch niemals hier in der Grauen Stadt! Unmöglich!Mir kommt ein Gedanke, und langsam lasse ich meine rechte Hand sinken, bis sie auf meinem Gürtel zu ruhen kommt. Ich taste meiner Gürteltasche entlang nach hinten und umschliesse den Griff meines Jagdmessers, das gleich dahinter in seiner Scheide steckt. Ich löse das kleine Lederband, das verhindert, dass die Waffe von selbst aus der Scheide rutscht, und dann ziehe ich sie, langsam und vorsichtig, Stück für Stück... Das Geräusch, wie die Schneide aus dem Lederfutteral gleitet, ist trotz aller Vorsicht laut und schrill - oder so kommt es mir zumindest vor. Dieses metallische Schaben ist unverkennbar, jeder Ordinator, der es hört, wird genau wissen, was ich gerade tue. Verflucht!Aber es bleibt still. Langsam beruhigt sich mein Puls, meine Lungen lassen es zu, dass ich langsamer und flacher atme, ruhiger als vorher. Das Rauschen in meinen Ohren lässt nach. Ich lausche. Verdammt, wann ist es da draussen so still geworden? Oder war es das schon immer?Keine Schritte, keine Rufe der Ordinatoren, nicht mal von sehr weit weg. Sie wagen sich nicht hierher, kommen nicht auf die unterste Ebene, wenn sie nicht ein paar Stunden Vorlaufzeit hatten, um sich auszurüsten und zu planen. Da! Scharrende Schritte, unregelmässig und begleitet von einem leisen Röcheln! Ich ziehe den Dolch vollständig und umklammere seinen Griff, fluche innerlich über meine schwitzigen Handflächen, die mich unsicher machen, mir keinen guten, stabilen Halt für die Klinge geben. Stille. Die schlurfenden Schritte... Haben sie sich entfernt? Ist das Geschöpf, dass sich so röchelnd fortbewegt, wieder weggegangen? Oder verharrt es schnuppernd und suchend auf der anderen Seite des Felsens?Nichts ist zu hören, nichts, ausser meinem Atem, der selbst jetzt noch viel zu laut erscheint. Ich schliesse die Augen und lausche, aber ich höre nur mich selber. Die Schritte... sie sind verstummt. Und die Ordinatoren? Sie stehen bestimmt schon wieder oben an allen Toren Wache, wie sie es so gern tun. Langsam setze ich mich in Bewegung, löse mich von dem Trümmerstück, das mir Deckung geboten hat, und schleiche los. Ich weiss jetzt, wo ich Unterschlupf suchen werde - ich muss nur unbeschadet dorthin gelangen.

***

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1. Grün

Lange stehe ich vor Sambars Tür, ehe ich die Hand hebe, um anzuklopfen, und selbst dann zögere ich noch, ehe ich die Faust wirklich gegen die Tür fallen lasse. 'Vielleicht ist er nicht zuhause', denke ich, aber meine Hoffnungen werden nicht erfüllt. Viel zu schnell höre ich Schritte, und dann öffnet er und blickt mich neugierig an.

"Yugan?" Ich kann ihn nicht lesen, einmal mehr habe ich keine Ahnung, was er gerade denkt. Aber er ist überrascht, zumindest so viel ist offensichtlich...
"Sambar", sage ich leise und schlucke leer. "Ich brauche deine Hilfe." Ich hole tief Luft. "Und es ist mir sehr, sehr unangenehm, das auch nur anzusprechen. Du darfst es ablehnen, keine Frage. Du kannst mich sogar dafür schlagen, wenn dir das gut tut, aber..."
Ich verstumme, als er abwehrend die Hand hebt.
"Komm erst mal rein", sagt er, und da ist der Hauch eines Lächelns auf seinen Lippen, auch wenn ich aus dem Rest seiner Züge genau gar nichts lesen kann.

Kurz darauf sitze ich an seinem Küchentisch und habe einen Becher Tee vor mir stehen, während er am Ofen steht und in einem Topf rührt, der da vorhin schon stand. Es riecht nach Eintopf mit Kräutern, ein seltsamer Geruch, den ich nicht zuordnen kann - definitiv kein Gericht, das ich kennen würde.
Ich war noch nie bei ihm zuhause, habe immer Sharr vorgeschickt, wie ich das auch bei allen anderen mache. Ich halte gern Abstand zu anderen, lasse sie nicht an mich heran und verhindere auch, dass ich mich ihnen zu sehr annähere. Und jemanden zuhause zu besuchen... das ist wirklich, wirklich nicht meine Art.

Mein Blick wandert über die Wände von Sambars Küche, und ich versuche irgendwie, mir die Widersprüche zu erklären. Ein Bild von Sonnenblumen hängt über dem Tisch an der Wand, und direkt daneben zwei gekreuzte Schwerter, denen ich die zwergische Machart mühelos ansehen kann. Sonnenblumen und Zwergenwaffen... Ich schüttle leicht den Kopf und nippe von dem warmen Kräutertee, der mehrheitlich aus Melisse besteht und mit Honig gesüsst ist - eine ungewöhnliche Mischung für jemanden wie Sambar, ein Tee, wie ich ihn eher bei einer angestrengten Mutter und haufenweise Kleinkindern vermutet hätte. Aber er schmeckt gut, und er ist gefährlich, denn er lockt mir in Erinnerung an schöne Kindertage eine Lächeln auf die Lippen.

"Hm?" gibt Sambar einen fragenden Laut von sich, und ich hebe den Kopf, um ihn anzublicken. "Nichts", sage ich. "Ich habe mich nur gewundert, wie du zu zwei solchen Schwertern kommst. Ich meine, es ist eindeutig zwergische Arbeit, aber sie sind zu lang und zu schwer für einen Zwergen und..."
"Zu lang und zu schwer für mich?" unterbricht mich Sambar und geht grinsend zur Wand, um die beiden Klingen abzuhängen. Die Befestigung ist so, dass es nur einen Handgriff dafür benötigt, und als ich das Schwert in die Hand nehme, das er mir reicht, sehe ich, wie gut die Waffe gepflegt worden ist. Diese Waffe ist kampfbereit, keine einfache Dekoration.
"Ich wollte nicht..." Ich verstumme und balanciere die Klinge zwischen meinen Fingern, bewundere die perfekte Gewichtung und lächle schwach.
"Sie ist wie für dich geschmiedet."
"Sie IST für mich geschmiedet." Sambar schmunzelt. "Deine ist noch ganz, die andere hat eine Bruchstelle an der Spitze, deswegen musste ich sie ersetzen... Aber für einen Übungskampf taugt sie noch, falls du mal mit Zwergenwaffen kämpfen möchtest."

Er hängt sein Schwert zurück an die Wand und nimmt mir dann die andere Klinge auch wieder ab. "Aber du bist nicht wegen Zwergenwaffen hier, oder? Was kann ich für dich tun?"
Sambar setzt sich mir gegenüber an den Tisch und trinkt einen Schluck aus seinem eigenen Becher.
"Ich will wissen, wieso ich dich sollte schlagen wollen..."

Ich nicke, meine Hände um meinen Becher gelegt, damit ich nichts Dümmeres mit ihnen anstelle - nervös meine Finger knete oder so.
"Ich bin, gelinde gesagt, im Arsch", sage ich schliesslich, und Sambars Augen weiten sich ein wenig, überrascht ob meiner Ausdrucksweise.
"Ich weiss nicht, ob es ein Glückstreffer war oder ein recht erfolgsversprechender Attentatsversuch, aber... ich muss auf einen Auftrag gehen, den ich alleine nicht schaffen kann. Ich brauche deine Hilfe."
Ernst blickt er mich an, sagt nichts, sondern wartet ab, und so spreche ich weiter, versuche zu erklären, ohne zu erklären, und das ist... schwierig.
"Ich brauche deinen Körper", sage ich schliesslich nur. "Dieses Mal nicht du meinen, sondern ich deinen... Ich... muss etwas tun, wozu mein Körper nicht in der Lage ist, und... wenn ich es nicht schaffe, werde ich elendiglich krepieren."
"Ja?" Sambar wirkt weder erschrocken noch wütend, er wirkt interessiert, und das irritiert mich ungemein. Dafür, dass er betont hat, wie sehr er seine Gabe hasst, wirkt er nicht abgeneigt, und das, obschon ich noch keine Einzelheiten erzählt habe. Und so reisse ich mich zusammen und komme zum Punkt.
"Ich nehme an, du hast schon von den roten Mantis gehört?" sage ich mit fragendem Unterton, und er nickt.
"Der Kult hat in der Grauen Stadt einen Tempel, und sie machen mal mehr und mal weniger Ärger. Gerade braut sich wieder etwas zusammen, sie arbeiten auf ein Ritual hin, und es ist wichtig, dass wir mehr darüber herausfinden."
"Verstehe." Sambar trinkt einen Schluck Tee und wartet ab, während ich weiterspreche.
"Ich weiss, wo ein Tempel ist, und ich muss mich verkleiden. Mit ihren bunten Rüstungen und den Masken dürfte das kein Problem sein. Ich muss bis ins Allerheiligste vordringen, dort alle Schriften kopieren, die das Ritual beschreiben und dann, wenn möglich, noch einiges sabotieren."
"Ja?" Sambar mustert mich mit schiefgelegtem Kopf.
"Sie unterscheiden sich in ihren Rängen durch die Färbung ihrer Kutten, Umhänge und Rüstungen", erkläre ich. "Jeder kann sich nur in bestimmten Bereichen aufhalten, und nur die Mächtigsten von ihnen erhalten Zugang zum innersten Schrein. Und... nun... Ich kann mich nicht durchkämpfen, so viel steht fest. Tarnung ist alles. Aber... leider kann ich mich mit meinem Körper auch nicht tarnen..."
"Hm? Ich verstehe nicht...?" Sambar lächelt aufmunternd, und ich fahre hastig fort.
"Ich habe die scharfen Augen eines Halbelfen", erkläre ich und grinse angespannt. "Ich sehe von hier aus eine Mücke an der Hauswand gegenüber herumklettern, wenn ich aus dem Fenster blicke. Ich kann Spuren folgen und Bewegungen meiner Feinde analysieren... Meine Augen reagieren schnell und sind kaum zu täuschen. Und ich kann mit ihnen fast alle Menschen lesen, auch das ist nicht zu verachten. Aber... Ich sehe keine Assassinen der roten Mantis."
Ich atme langsam aus. "Für mich sind sie so grün wie die Blätter an den Bäumen und das Gras auf den Wiesen. Grüne Äpfel, rote Äpfel, es ist einerlei... In unserer Familie haben einige dieses Leiden, auch mein Vater, der nicht mein Vater ist." Ich schnaube.
"Man sagt, es komme daher, dass unsere Familie zu wenig fremdes Blut zulässt." Ich lecke mir nervös über die Lippen. "Meine Welt ist grün, Sambar... Es gibt kein Rot darin, kein Scharlach, kein Karmin, kein Purpur... Für mich sind das nur Namen, eines so bräunlichgrün wie das andere."
Er setzt dazu an, etwas zu sagen, aber ich fahre fort. "Ich weiss, dass ich meinen Auftrag erfüllen kann. Ich weiss, dass ich in das Allerheiligste vordringen und die nötigen Informationen stehlen kann. Ich weiss auch, dass ich mich gut genug verkleiden und verstellen kann, um nicht entdeckt zu werden. Aber... ich brauche dafür einen Körper, der die Farbe Rot erkennen kann, der mir helfen kann zu sehen, welche Kutte und welche Rüstung ich für den Zugang von welchem Bereich brauche. Und... naja..."
Ich grinse schief und verberge mein Gesicht hinter dem Teebecher, indem ich noch einmal einen Schluck trinke. "Wenn es schiefgeht, gewinnst du damit einen Körper, dessen Energiebahnen die besten der Insel sind, scharfe Halbelfensinne und die elfische Geschmeidigkeit."

Sambar leckt sich nervös die Lippen und schluckt leer, räuspert sich und beginnt dann zögernd zu sprechen. "Ich komme mit", sagt er leise. "Mein Körper ist nicht geschaffen für diese Art von Auftrag, und schon gar nicht mit einem Fremden am Steuer. Und... wie willst du Purpur und Karmin unterscheiden, wenn du es nicht kennst?"
Seine Wangen verdunkeln sich - er errötet, wie man so schön sagt, und ich reibe mir das Kinn. Er hat recht, aber...
"Ich komme mit, und ich werde dir meinen Körper leihen, ja. Aber ich werde mich selber darin befinden und ich werde deine Augen sein. Ich werde deine Befehle befolgen, als ob du mich so lenken würdest, wie du es vor hattest - aber du und dein Körper, ihr kommt separat mit." Er beugt sich vor und blickt mir direkt in die Augen, mustert mich mit einer Aufmerksamkeit, die mir irgendwie unangenehm ist, weil ich mir nicht erklären kann, was er in meinem Blick sucht.

"Ich mag grün", sagt er schliesslich und steht auf. "Grüne Wiese, grüne Wälder... Ich könnte mir Schlimmeres vorstellen, als die Welt in Grün zu sehen. Smaragd, Turmalin, Birkengrün und Jadegrün und Tannen- und Olivengrün... Wen interessieren da schon Purpur und Karmin?"
Für einen kurzen Moment ist da etwas... etwas, was ich nicht greifen kann, etwas, was mein Herz stolpern und meinen Atem stocken lässt, etwas... was in mir ebenso fehlt wie die Farbe Rot... Aber ich kann es nicht ergreifen... Es ist da... und dann ist es weg...

Sambar steht auf und stellt seinen Becher zur Seite. "Willst du Hähncheneintopf?" fragt er, und ohne eine Antwort abzuwarten, füllt er bereits eine Schale ab, um sie vor mich hinzustellen. "Es gibt noch eine andere Möglichkeit", sagt er dann. "Aber darüber muss ich erst einmal nachdenken..."


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 Betreff des Beitrags: Re: 30 Tage, 30 Kurzgeschichten
 Beitrag Verfasst: Do 1. Apr 2021, 02:58 
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1) "Das Geräusch der Stille" / "Grün"


Fasziniert zähle ich die verschiedenen Schattierungen die sich vor meinem Auge entfalten. Da ist ein so dunkles Grün, das man fest meinen könnte es wäre Schwarz. Aber wenn Licht darauf fällt, so wie jetzt, dann sieht man es. Nicht das Nachtschwarz einer finsteren Höhle ohne Licht, sondern ein milderer, freundlicherer Ton der übergeht in ein tiefes Smaragdgrün. Wäre es ein Edelstein der so schimmern würde, es gäbe Langfinger die mir dafür in aller Heimlichkeit Nachts die Kehle aufschlitzen würden nur um ihn an sich zu bringen.
Von dort aus wird es noch heller, ein frisches Blattgrün dass den nahenden Frühling verspricht. Zwischen diesen drei Farben scheint es jedoch noch so unendlich viel Farbschläge zu geben, dass ich nicht genug Vergleiche dafür habe. Trüge ein Vogel dieses Kleid, wäre er vermutlich unsichtbar im Wald, verborgen vor allen Blicken solange er still verharrt. Ich hebe die Hand, will es spüren, fühlen und halte einen Wimpernschlag davor an. Diesmal sehe ich wirklich Schwarz, tiefes und unendliches Schwarz in einem schmalen Spalt der sich verzieht, mal breiter, mal länger bis auch diese Bewegung inne hält.
Noch immer unterbricht nichts die Stille in diesem Raum, so laut und doch lautlos scheint sie auf dem Moment zu lasten. Tsuan ist auf einem Auftrag und wir sind alleine hier. Ich habe mich Abends ins Bett eingekuschelt und... auch wenn ich es nie zugeben würde, mich in den Geruch meines Kriegers gehüllt um schlafen zu können.
„Du bist ein Langschläfer, kein Wunder dass du nicht wächst. Der frühe Vogel fängt den Wurm“, durchbreche ich die Stille und ziehe den kleinen Drachen auf, der mich aus intelligenten Augen betrachtet. Unheimlich intelligenten Augen, aber er ist ein Drache, ein Verwandter der Götter, wie soll es anders sein.
Augen die von einem hellen Grün umrandet werden und nach außen in ein Smaragdgrün und Dunkelgrün übergehen. Genauso wie in so vielfältige andere Schattierungen, die seinen ganzen Körper umschließen. Ein scharfer Schmerz reißt mich aus der Bewunderung und ich lache auf während ich mir den Finger in den Mund stecke. Nicht nur ein Langschläfer, auch ein Morgenmuffel.


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 Betreff des Beitrags: Re: 30 Tage, 30 Kurzgeschichten
 Beitrag Verfasst: Fr 2. Apr 2021, 01:29 
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Heiler
Heiler
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2) Spielverderber

Still und heimlich beobachte ich die beiden Kinder wie sie miteinander spielen. Dai und ich haben überlegt was man machen könnte um den Zusammenhalt untereinander zu stärken und schließlich haben wir uns, als eine der Maßnahmen, dafür entschieden mit ihnen verschiedene Spiele zu spielen. Brett- und Kartenspiele und alles was uns noch vernünftig erschien. Genau aus diesem Grund sehe ich jetzt wohl Fyrn und Nilas gegenüber sitzen und Karten in der Hand halten. Die Beiden sind ein derartig ungleiches Paar dass ich meinen Augen kaum zu trauen wage und noch weniger, mich in irgendeiner Form zu bewegen aus Angst, sie könnten auf mich aufmerksam werden.
Weiter unentdeckt fällt mir dabei etwas auf, was mich perplex die Augenbrauen heben lässt und ich stoße mich von der Wand ab, als Nilas seine Karten hinschmeißt. Was ziemlich ungewöhnlich ist für diesen Jungen.
„Es ist manchmal nicht leicht zu verlieren“, sage ich und gebe mein Versteck nun endlich auf um zu den Beiden zu treten und mich neben ihnen niederzulassen. „Aber er gewinnt dauernd“, sagt der blonde Junge empört und deutet auf Fyrn. „Jedes verdammte Mal, niemand kann soviel Glück haben.“
Er sieht deutlich frustriert und wütend aus und ich kann ihn verstehen. Es würde mich auch nerven, würde ich ständig verlieren. „Es könnte die Zeit kommen, da musst du mit Absicht verlieren. Dai würde jetzt sagen dass man in Tavernen beim Kartenspiel sehr viele Informationen einfach neben her bekommen kann. Aber nicht, wenn man ständig gewinnt“, erkläre ich lächelnd und ohne auf die Wut des Jungen einzugehen. „Das man sich ärgert ist normal, aber die Karten herumzuwerfen, das zeugt von wenig Kontrolle, zumindest wenn man es nicht absichtlich tut. Außerdem musst du anfangen besser aufzupassen, was mich zu dir bringt Fyrn“, ich grinse den rothaarigen Jungen an und strecke die Hand aus.
„Gib mir die Karten die du da versteckt hast. Du hast es wirklich geschickt gemacht, aber ich habe es ganz genau beobachten können“, ich sehe wie Fyrn die Lippen aufeinander presst. „WAS? Du hast die ganze Zeit betrogen? Aber... das macht man doch nicht unter Freunden!“, erklingt da Nilas wütende Stimme und einen Moment habe ich Angst dass er sich tatsächlich auf den älteren Jungen stürzt.
„Du bist doch selbst Schuld. Hätte dieser Spielverderber es nicht verraten, hätte ich dich weiter jedesmal abgezockt ohne dass du irgendwas geahnt hättest“, antwortet Fyrn in einem bockigen Ton und ich seufze. Soviel dazu dass wir einen gewissen Zusammenhalt zwischen den Kindern erreichen wollte, obwohl es schon ein Fortschritt ist, bezeichnen sie sich als Freunde.
„Ihr habt alle Beide recht“, schreite ich resolut an damit das hier nicht noch ausartet. „Du Nilas, musst aufmerksamer werden und besser aufpassen, so etwas muss dir auffallen und du Fyrn solltest dir überlegen ob sich das wirklich gelohnt hat. Du hast gesehen wie sehr Nilas sich ärgert. Vielleicht solltest du dich fragen ob ein paar gewonnene Spiele das Ergebnis wert sind, dass bald niemand mehr mit dir spielen will. Oder noch schlimmer, sie entziehen dir ihr Vertrauen, denn irgendwann hätten sie dich erwischt“, ich klopfe den Beiden auf die Schulter und stehe auf. „Und jetzt lasse ich euch wieder alleine. Aber vielleicht versucht ihr es ja mal mit Schach“, ich zwinkere den Beiden zu, wohl wissend das Nilas dieses Spiel besser spielt als Fyrn. „So als Friedensangebot.“


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 Betreff des Beitrags: Re: 30 Tage, 30 Kurzgeschichten
 Beitrag Verfasst: Sa 3. Apr 2021, 00:56 
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Dämmerkrieger
Dämmerkrieger
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Beiträge: 6633
2. Spielverderber

Es ist ein lauer Sommerabend und wir sitzen zusammen im Garten und spielen Silsai. Mein Spiel. Das Spiel, von dem ich dachte, sich sei gut darin, bis Seth ein bisschen geübt hat. Und jetzt, wo Seth die Taktik des Spiels durchschaut hat, ist es plötzlich nicht mehr mein Spiel, es ist seines.
Ich starre auf die Karten in meiner Hand und vergleiche sie mit jenen auf dem Tisch, aber mein vermeintlich gutes Blatt wird von Seth gerade zielsicher zerpflückt.

Mit einem tiefen Seufzer lehne ich mich zurück und streiche mir die Haare aus der Stirn. "Es ist heiss", murmle ich, beuge mich wieder vor und greife nach meinem Becher. Ich trinke einen kräftigen Schluck und verschütte etwas von dem Wasser, so dass es mir über das Kinn aufs Hemd tropft.

"Verdammt", fluche ich halbherzig und stelle den Becher wieder hin, betrachte die Karten auf meiner Hand und spiele eine Belagerungskarte aus, die Seth mit Sicherheit gleich blocken wird. Aber dann... Drei Karten habe ich noch auf der Hand, mal sehen, was ich damit reissen kann - und wenn nicht mit spielerischem Können, dann mit der Ausbildung der Dämmerkrieger.

Während Seth sein Blatt studiert, streiche ich murrend ein paarmal über mein Hemd, nur um es dann betont langsam abzustreifen. Ich schmeisse es auf die Sitzbank neben der Hauswand und wuschle mir durchs Haar, ehe ich Seth unschuldig anblicke. "Was?" frage ich und lecke mir die Lippen. "Es war nass."

Seth sagt nichts, aber ich sehe, wie ihm die Röte in die Wangen steigt. Er schluckt leer, während seine Finger über die Karten in seiner Hand streichen, er eine halb aus dem Blatt zieht und zurückschiebt, ehe er eine andere Karte legt - nicht der erwartete Block, sondern ein Gegenangriff. Hmm... Ich kontere zügig, lege den Schaden für meine Belagerungswaffe und grinse spitzbübisch. Das hat besser funktioniert als erwartet...

Wieder greife ich nach dem Becher, und Seth linst mich über seine Karten hinweg an, sieht mir dabei zu, wie ich schon wieder Wasser verschütte und es über meine Brust laufen lasse, ehe ich es mit einem einzigen Finger irgendwie aufzuwischen versuche - mehr aufreizend als wirkungsvoll.

Seth räuspert sich, und seine nächste Karte ist ungültig. "Seth?" sage ich und lege den Kopf schief. "Die Brigade darfst du nicht dort legen - wenn, dann in die Angriffsreihe."
Er stutzt und schiebt die Karte in die richtige Position. "Verzeih", sagt er, aber sein Blick wandert immer wieder über seine Karten hinweg zu mir. Ich lehne mich zurück und linse über meine Karten hinweg zu ihm.
"Es gibt nichts zu verzeihen", antworte ich und lege nun eine Heilerin, fische mir meine Brigade aus vom Tisch zurück und spiele sie verdoppelt aus. Seths Brauen wandern in die Höhe, und ich lehne mich zurück. "So ein Pech aber auch", sage ich und hake meine Finger beidseitig in den Hosenbund. "Ich hab mir vorhin sogar was auf die Hose geschüttet."

Langsam steht Seth auf und geht um den Tisch herum, geschmeidig wie eine Katze - und urplötzlich blitzschnell krabbelt er auf meinen Schoss und küsst mich drängend, ehe er den Kuss mit einem schmerzhaften Kniff in die Unterlippe beendet.

"Du bist ein Spielverderber, Dai", knurrt er leise und kneift mich nun mit den Fingern in die Haut seitlich meines Halses. "Du weisst, dass ich gewonnen hätte. Du weisst es genau!"
Ich blicke ihn unschuldig an. "Vielleicht", antworte ich. "Vielleicht bin ich ja deshalb jetzt der Preis für den Sieger?"

***

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2. Perplex

"Vier Nächte", höre ich den Magier sagen, und seine Stimme klingt kalt und gefühllos, so leer, dass es mich schaudert dabei. "Ich zahle für die vollen vier Nächte - und natürlich die Tage dazu." Sein Blick wandert über meinen Körper, kühl, berechnend, nicht im mindesten angezogen von meinem Äusseren, sondern... seltsam gefühllos und geschäftlich, und das macht mir mehr Angst, als mir lieb ist. Ich senke den Blick und starre auf meine spitzen Fingernägel, die blaue Haut meiner Hände. Vier Nächte... Wieso ich? Was unterscheidet mich von den anderen? Nur mein Äusseres... und das ist es, was mich am meisten erschreckt an dieser ganzen Verhandlung.
Ich bin es gewohnt, wegen meines Äusseren ausgewählt zu werden, so ist es nicht... Und ich weiss durchaus mit meinen Besonderheiten auf reizvolle Weise zu spielen, den Hörnern, den Krallen, der blauen Haut... Aber dass jemand mich für vier Tage und vier Nächte mitnehmen will, das... macht mich nervös. Andere werden oft für längere Zeit vermietet, ja... Die Schönen, die Blonden und die Rothaarigen, jene mit den elfischen Zügen oder mit besonders ansprechenden Körpern. Aber ich? Ich bin eine Hure für die Stunde, nicht für die Nacht... Und ich bin schon gar nicht eine Dame, die sich an der Seite eines Mannes zeigt, während er seinen Geschäften nachgeht. Und das... das heisst für mich, dass ich vermutlich vier Tage in einem Bett verbringen werde - bestenfalls. Oder irgendwo angekettet... oder... ich will gar nicht soweit denken, schon jetzt stellen sich mir die Nackenhaare beim Gedanken an all das auf, was passieren könnte.

Aber natürlich stellt sich Mitraya dem schnellen Geld nicht in den Weg, natürlich sitze ich keine Stunde später schon in einer Kutsche, die aus der Stadt heraus fährt, und ich frage mich, ob sie weiss, wohin ich gebracht werde. Ob sie sich irgendwie abgesichert hat, dass man mich nach vier Tagen auch wirklich zurückbringen wird? Was, wenn sie mich irgendwo in einem Keller verrotten lassen?
Mit geschlossenen Augen sitze ich da, und es braucht all meine Willenskraft, dass ich nicht mein Horn berühre, das mit magischem Gold umsponnen ist. Damit kann Mitraya mich finden, so sie mich finden will...

Die Kutsche hält an und steht eine ganze Weile still, und der Mann, der dann den Schlag öffnet, ist gross und breitschultrig und furchteinflössend. Kein Magier, ein Soldat, und sein Gesicht ist unter einer Kapuze verborgen, so dass ich nur seine Augen im Mondlicht reflektieren sehe. Er macht mir keine Angst, und das macht mir um so mehr Angst, so widersprüchlich das auch klingen mag. Furchteinflössende Gestalten, die einem keine Furcht einflössen, müssen magisch begabt sein, und das macht sie nur noch viel gefährlicher.

"Steig aus", sagt er. "Wir lassen die Kutsche hier stehen."
"Und wenn ich nicht aussteigen will?" frage ich, und es ist etwas Kampfgeist in meiner Stimme, etwas Rebellion. Ich weiss, ich sollte mich fügen, aber... ich bin nicht so alt geworden, weil ich mich jederzeit habe herumkommandieren lassen. Etwas Widerspruch kann Leben retten...
"Dann werden wir dich mit Gewalt aus der Kutsche holen." Er sagt es so sachlich, als ob er davon reden würde, einen Splitter aus einer Wunde zu ziehen, oder einen Korken aus einer Flasche. Ich verziehe das Gesicht.
"Ich komme gleich", antworte ich, und es schwingt immer noch Widerstand in meiner Stimme mit - aber auch Vernunft. Wenn ich mich verprügeln lasse, werde ich nicht mehr im vollen Umfang leistungsfähig sein, und... das kann eigentlich nur Ärger bedeuten, vor allem, wenn ich für vier Tage bezahlt wurde...

Ich schliesse die Augen und atme tief ein, sammle dann mein weniges Gepäck zusammen und lege mir den Umhang um die Schultern, den Mitraya mir mitgegeben hat. Er bietet wenigstens etwas Schutz vor der nächtlichen Kälte in der Wüste, wenn auch nicht vor den Berührungen meiner Freier.
Langsam steige ich aus und atme tief die kalte, frische Wüstenluft ein die nach gar nichts riecht. Sie sit so rein... Ich liebe sie... und ich merke erst jetzt, wie sehr ich die Wüste vermisst habe. Und dann wird mir bewusst, was ich hier gerade um mich herum sehe und höre und rieche. Nichts. Wir sind mitten in der Wüste.
Die Angst lässt mein Herz schneller schlagen. Ein Freier würde mich schnellstmöglich in seine Unterkunft schaffen, irgendwohin, wo er sich mit mir amüsieren kann. Nicht mitten in die Wüste, wo... keiner meine Schreie hören wird.
Meine Handflächen sind feucht vor Schweiss, erst recht, als mir noch etwas anderes bewusst wird. Der grosse Mann hievt Gepäck vom Dach der Kutsche herunter und nimmt es auseinander, scheint nach etwas zu suchen, macht grössere und kleinere Haufen, und wirft mir dabei immer wieder flüchtige Blicke zu. Der Magier lehnt vorne an der Kutsche und wirkt irgendwie gedankenverloren. Er beachtet mich nicht, er starrt hinaus in die Wüste, und er ist blass... sehr, sehr blass und angespannt und... seltsam. So seltsam wie seine Kapuze, die sich zu bewegen scheint, als ob etwas darin sitzen würde, sich winden würde...
Angst lässt mich zittern, und ich blicke unauffällig zum Horizont, ob ich noch die Lichter der Stadt sehen kann. Ob es auch nur den Hauch einer Möglichkeit gibt, sie zu erreichen, wenn ich jetzt losrenne?

Das Pferd ist weg. Das imposante, schwarze Kutschpferd ist verschwunden, und... wo immer es ist, sie werden mich nicht mit ihm verfolgen können, wenn ich jetzt laufe... renne...
"Tu es nicht." Die Stimme des Magiers ist leise, müde... Er wirkt seltsam gebrochen, wie er da lehnt und in die Ferne blickt. "Wir gehen gleich weiter. Warte... Warte einfach nur ab, ja?"

"Kyras? Ich bin soweit." Der grössere Mann tritt zu dem Magier hin und legt ihm eine Hand auf die Schulter. Der Magier... Kyras... hebt den Kopf, und für eine kurze Ewigkeit blicken sie sich in die Augen. Ich weiss nicht, was da zwischen ihnen vorgeht, aber in diesem Moment erkenne ich, dass sie mich nicht in ihr Bett holen werden. Sie haben sich bereits gefunden, und... mein Herz macht einen erneuten, kleinen Hüpfer. Dass sich bei den Magiern Männer mit Männern, Tieren, Orks und künstlichen Wesen vergnügen, ist weithin bekannt. Aber das hier... das ist mehr als das... Diese beiden gehören zusammen, und sie machen keinen Hehl daraus. Und... vollkommen perplex sehe ich zu, wie der Grosse dem Kleineren über die Wange streicht, wie er kurz seine Stirn gegen die des anderen legt und... ich weiss, dass sie mich entweder umbringen werden, und es ihnen daher egal ist, dass ich sie sehe, oder... etwas anderes...
"Wir haben alles", sagt der Grosse überraschend sanft. "Das Amulett... Die Lampe... und das Mädchen. Also eigentlich haben wir mit ihr sogar mehr als erwartet." Er lächelt, und nun lächelt auch der Magier, schwach... verletzt und unendlich erschöpft, aber er lächelt.

"Hey", sagt er leise zu mir. "Ich bin Kyras. Ich... habe dich in einer Vision gesehen und... ich denke, ich musste dich dort rausholen. Ich hoffe, das geht klar für dich, weil... äh... Ich biete dir ein neues Leben, eine Ausbildung, Unterkunft, Lohn... Und keine Magier mehr, versprochen... Auch keinen Sex gegen Bezahlung. Und... äh..." Ich zuckt mit den Schultern. "Ich kenne dich nicht, ich weiss nicht, was du willst, aber... ich weiss, dass ich dich in einer Vision gesehen habe, und dass ich dich kennenlernen werde... Izra."
Ich schlucke leer, als seine Worte in meinen Verstand eindringen. "Ich kann nicht einfach so weg", sage ich leise, und ich sehe, wie die beiden mich nervös anblicken. "Ich... mache eine Ausbildung, ich... habe all mein Hab und Gut dafür ausgegeben, ich kann jetzt nicht weg, nicht so kurz vor Ende... Ich tue das hier..." Ich deute an meiner Kleidung herab - oder besser, an dem Hauch von Nichts, den ich trage. "Ich tue das nur, damit ich meine Prüfung zur Alchemistin bezahlen kann."

Nun sind sie es, die mich vollkommen perplex anstarren, und ich erröte und senke den Blick. "Ich muss zurück. Bitte. Ich... will nur meine Abschlussprüfung schreiben, und dann... naja... Dann bin ich bereit, mir eure Visionen anzuhören."


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 Betreff des Beitrags: Re: 30 Tage, 30 Kurzgeschichten
 Beitrag Verfasst: Sa 3. Apr 2021, 21:23 
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3) Magie & Ich halte dich

Mit weit aufgerissenen Augen starre ich auf die Szenerie vor mir und blankes Entsetzen ergreift mich als ich verstehe was ich da sehe. Das.Ist.Rhania!
Meine beste Freundin wurde wie ein Rindvieh zwischen zwei Säulen aufgehängt und in einer Vertiefung zu ihren Füßen sammelt sich das Blut, dutzende Quellen scheint es auf ihrem Körper zu geben aus denen es hervortritt und in Strömen über ihren Körper herunter rinnt. Meine Hand greift schweißnass nach meinem Schwert, wohl wissend dass ich damit nicht viel auszurichten vermag aber... ich muss doch etwas tun, ich muss doch helfen!

Bevor ich einen Schritt machen kann ertönt bereits Gebrüll. Raoul..., er stürzt wie ein Berserker aus der Finsternis, mit zum Kampf erhobenen Schwert. Aber er kommt nicht weit und ein schwerer dumpfer Laut erklingt als mein Freund Rhanias Peiniger vor die Füße fällt. Geschockt sehe ich Raoul fallen, was zu seinem Verhängnis wird. Zwar kann er sich halb wieder aufrappeln, aber der Fremde hat seine Chance gewittert und stößt so schnell wie eine Schlange zu. Ich reiße den Mund auf, will um Hilfe rufen aber jetzt endlich bewegen sich auch der Ritter und die Soldaten, die uns hier hinunter gefolgt sind und stürzen sich in den Kampf. Und ich? Ich lasse Schwert Schwert sein und arbeite mich zu Raoul durch. Gemeinsam mit dem Heiler, der unseren kleinen Trupp komplettiert hat, ziehe ich meine Freund an den Rand.

„Ich kümmere mich um ihn“, versichert mir der Straßenköterblonde Mann und diesmal... diesmal finde ich meine Sprache wieder. „Und Rhania? Was wird mit ihr? Sie braucht ebenfalls Hilfe“, frage ich und schaue hilflos zwischen meinen beiden Freunden hin und her.
„Junge...“, die ruhigen Augen schauen mich mitfühlend aber bestimmend an. „Ich kann nur einem helfen und verzeih wenn ich das sage, aber Dieser hat die besseren Überlebenschancen.“ Die Worte schneiden mir ins Fleisch und mir treten die Tränen in die Augen.
„Nein! Nein! Das darf einfach nicht sein“, erwidere ich heftig und springe auf um zu Rhania zu laufen, den Kampf ignorierend der noch immer tobt. Rhanias Entführer wehrt sich mit allen Mitteln und dass er noch lebt beweist dass er gut sein muss.

Als ich meine Freundin erreiche befürchte ich schon das Schlimmste, sie sieht so blass aus und rührt sich nicht dass ich schon Angst habe dass ihr Schrei vorhin das letzte Lebenszeichen war. Dann aber sehe ich ein leichtes Heben und Senken ihres Brustkorbes und schaue mich hastig um.
„Sie lebt, so helft mir doch jemand!“, rufe ich verzweifelt und drücke sie währenddessen nach oben, versuche den Druck von ihren Handgelenken zu nehmen, aber das entringt ihr nur ein leises Aufstöhnen. Und dann... dann ist endlich der Drachenritter da und hilft mir sie loszumachen.

„Rhania, wir sind da. Hörst du mich? Thom holt gerade Hilfe und Raoul... Raoul ist auch da! Er hat sich auf ihn gestürzt wie ein Verrückter, nur wegen dir. Bleib hier, bleib bei uns“, rede ich auf sie ein, bedecke sie rasch mit meinem Mantel und zerfetze mein Hemd um daraus notdürftige Verbände zu machen, mit denen ich die aufgeschnittenen Handgelenke notdürftig versorgen kann.
„Heiler“, rufe ich verzweifelt und streiche über Rhanias nasse Wange, sie hat geweint. Meine sonst so tapfere Freundin hat geweint.

„Der Heiler kann nicht Junge, er ist noch mit deinem Freund beschäftigt. Aber sie muss nur noch etwas durchhalten, Hilfe ist auf dem Weg“, der Drachenritter legt seine Hand tröstend auf meine Schulter, aber ich ignoriere sie, wissend das Rhania diese Zeit nicht haben wird. Mit jedem mühsam flachen Atemzug entweicht das Leben weiter aus ihren Gliedern und bald wird es keinem Heiler mehr möglich sein ihr zu helfen.

„Drachengötter, bitte. Lasst nicht zu dass sie stirbt“, flehe ich und lege ihre Hand an meiner Wange. „Ylath, Elrath, Arkath, Sylanna, Malassa, Shalassa, Asha, egal wer aber bitte helft mir sie zu retten“, ich spüre dass sich der Ritter von mir zurückzieht. Mitfühlend aber sicher, dass dies hier kein positives Ende haben wird.
„Oh ihr Großen, ich schwöre euch, mein Leben soll dem gehören der sie rettet. Solange ihr sie nur rettet“, flüstere ich verzweifelt weiter und presse die Augenlider aufeinander um nicht sehen zu müssen, wann Rhania ihren letzten Atem aushaucht. Es wird nicht klappen, was kümmern sich die Drachen schon um uns kleine Knappen, wir sind bedeutungslos für sie, nutzlos, niemand wird mich erhören und Rhania und vielleicht auch Raoul werden sterben. Welch Ironie dass der Junge, der sie liebt, dafür sorgt dass der einzige ausgebildete Heiler im Raum ihr nicht helfen kann, weil man ihm helfen muss.

Trübsinnig wiege ich mich vor uns zurück, die Hand meiner Freundin noch immer an meine Wange gedrückt als plötzlich ein Lichtkugel in meinem Kopf expodiert.
„Was“, keuche ich gequält und zucke zusammen vor Schmerz, der wie tausend Nadeln in mir ausstrahlt. Da ist etwas in mir, etwas das meinen Geist bis in den letzten Winkel ausfüllt und alles hervor zu zerren scheint das ich erlebt habe, seitdem ich geboren bin. Es dreht und wendet Ereignisse, zieht sie in die Länge und wirft sie genauso schnell wieder weg. Man sollte meinen ich hätte spätestens jetzt nach Hilfe rufen sollen, aber die Wahrheit war.. ich konnte es nicht. Dass, was auch immer da in mir war, erlaubte es nicht und egal wie sehr ich mit dem Kiefer mahlte, es gelang mir nicht auch nur einen einzigen Ton auszustoßen. So blieb mir nichts anderes übrig als abzuwarten und zu ertragen und es kam mir vor wie Jahre bis das Licht in meinem Kopf kleiner wurde und ruhiger.
„Der Handel ist angenommen und wird geschlossen. Ihr Leben für deine Treue. Brichst du den Handel wirst du die Konsequenzen tragen. Von heute an bist du einer meiner Kleriker“, höre ich die Stimme in meinem Kopf die mir durch Mark und Bein dringt, fühle für einen Moment lang die volle Aufmerksamkeit des uralten Wesens das mich ohne große Mühe einmal auf Links gedreht hat um zu erforschen ob ich ihm nützlich bin. Und dann... nur einen Wimpernschlag später schießt pure Magie durch meine Adern und manifestiert sich in meiner Brust. Sie ist wild und stark und für einen Moment habe ich Angst, ihr nicht stand halten zu können. Elrath, ohne dass er es aussprechen muss weiß ich doch, dass er es ist. Der Goldene, der genauso heißblütiger und unnachgiebiger Kämpfer sein kann wie auch nachsichtiger, machtvoller Heiler.

„Ich weiß nicht wie, ich weiß nicht wie ich die Kraft einsetzen kann um ihr zu helfen“, murmele ich dann entsetzt als ich spüre wie die Präsenz des Drachens verschwindet. „Der Handel! Ihr habt mir versprochen sie zu halten, also tut es auch!“, fordere ich mit dem Mut der Verzweiflung und des Wahnsinns. Wer stellte schon Forderungen an einen Gott?
Ich spüre fast so etwas wie ein Seufzen in meinem Kopf und während der Rest von Elrath nun wirklich verschwindet, bleibt ein kleiner Teil in meinem Kopf zurück. Ein trüber goldener Schimmer legt sich über meine Augen und fast schreie ich auf bei der neuen Sicht. Über Rhania schwebt eine Schwarzlilafarbene Wolke die sich langsam auf sie herabzusinken scheint und je mehr davon auf ihr landet, desto Schwächer wird ihr Atem.

Hinfort mit dir Schwesterdrache, heute kannst du sie nicht haben. Heute halte ich ihr Leben in meinen Krallen. Kämpf mit mir darum wenn du sie willst.

Die Stimme erklingt kalt und kämpferisch und durch den goldenen Schleier sehe ich, wie sich die unbändige Magie in meinem Inneren einen Weg nach Außen bricht und dann über Rhanias Gestalt sickert. Einen Moment lang hält die Finsternis dem Licht stand, dann aber zieht sie sich ruckartig zurück und wo immer die goldene Energie auf die Dunkle trifft, verschwindet diese bis meine Freundin gänzlich frei davon ist.

Mein Teil ist erfüllt, lasse die Energie weiter über sie fließen Kleriker, dann wirst du sie in diesem Leben halten

Kaum vernehme ich die Worte, da ist auch der letzte Teil der Präsenz in meinem Kopf hinfort und zurück bleibt nur die abnehmende Magie in meinem Inneren.
Das Nächste, das mich fast aus meiner Konzentration reißt sind laute Rufe und Gestalten die sich plötzlich um Rhania und mich sammeln.
„Hör nicht auf Junge, lass sie nicht los, das machst du gut. Wir machen den Rest“, höre ich erneut eine Stimme, diesmal jedoch wirklich und nicht in meinem Kopf und mir rollt eine Träne der Dankbarkeit über die Wange. Denn jetzt weiß ich dass sie Leben wird. Rhania wird leben.


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 Betreff des Beitrags: Re: 30 Tage, 30 Kurzgeschichten
 Beitrag Verfasst: So 4. Apr 2021, 01:31 
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3. Magie

Wir stapfen über die Lichtung, Vater vorneweg, Lukas und Marten hinterher. Lautstark unterhalten sie sich, reden über die Kuh, die Vater auf dem Markt verkauft hat, und wie er damit den Händler über den Tisch gezogen habe.
"Sie war viel weniger wert als das!" ruft Marten aus. "Aber du warst schon immer gut darin, die Tiere besser aussehen zu lassen, als sie in Wirklichkeit sind."
"Etwas Kohle auf die weissen Haare", gibt Vater zurück. "Und etwas Fett auf die Nase und um die Augen, so dass der Blick wacher wirkt. So sieht dann eine zehnjährige Kuh aus, als wäre sie erst zwei oder drei... Er ist selber schuld, wenn er nur von weitem hinschaut und sie nicht näher untersucht..."

Wieder lachen alle, und ich seufze. Einmal mehr kommt es mir so vor, als ob ich... ich weiss nicht was - ein Wechselbalg wäre oder so. Ihre Themen interessieren mich nicht, ihre Scherze finde ich nicht lustig, und weder mag ich den Schnaps, den sie so gern trinken, noch gehe ich gern auf die Jagd.
Aber sie sind meine Brüder und mein Vater, und so habe ich keine Wahl - nicht so wirklich jedenfalls...

Das Fest der Sonnenwende rückt näher, und wie es Brauch ist, kommt eine Wildsau auf den Tisch - eine Wildsau, die wir gemeinsam jagen gehen. So ist es, und so war es schon immer. Ich habe sie nie gern begleitet, früher nicht, und jetzt erst recht nicht.
Seit dem Unfall bin ich nicht mehr so schnell wie sie, selbst wenn ich mich beeile, humple ich immer ein bisschen hinter ihnen her, und ihre Blicke wenn sie auf mich warten müssen, sprechen Bände. In ihren Augen bin ich auch nicht mehr wert als die Kuh mit den gefetteten Augen.

Aber das ist nicht das Einzige, was ich an diesem Tag hasse, so lange ich mich erinnern kann. Ich mag die Jagd nicht, mag es nicht, dass ein Tier für uns sterben muss. Ich habe nie gern getötet, aber ich hielt es früher für notwendig, hier und da mal ein Huhn zu köpfen oder ein Schwein zu schlachten, so wie man halt auch den Weizen drischt und die Rüben aus der Erde holt. Aber seit ich meine Heilerausbildung angefangen habe, esse ich kaum noch Fleisch.
Seit ich weiss, wie es unter der Haut eines Menschen aussieht - nicht anders als unter dem Fell eines Tieres - wird mir schon nur beim Gedanken an Fleisch übel.
Ich arbeite nicht mehr auf dem Hof, ich bin in der Stadt und mache meine Ausbildung, und ich weiss, dass meine Familie das nicht verstehen kann. Ich wette, wenn ich nicht da bin, machen sie sich lustig über mich.

Aber die Wildsau, die muss sein, ich werde ihr nicht entkommen können, so wenig wie der verdammten Sonnwendfeier mit dieser Familie, die sich je länger je fremder anfühlt. Lukas trinkt und gibt die Flasche weiter, die drei Männer lassen sie kreisen und ich... ich stolpere ihnen hinterher und fühle einerseits ein dumpfes Stechen in der Brust, weil sie mich nicht fragen, ob ich mittrinken will, und andererseits Erleichterung darüber, dass ich nicht trinken muss.
Der Selbstgebrannte verträgt sich nicht mit meinen Fähigkeiten.

Magie.

Sie nennen es Magie, wenn ich meine Hand auf jemandes Körper legen kann, und dessen Krankheiten heilen, sein Fieber sinkt und seine Wunden sich verschliessen. Sie sagen, es sei Zauberwerk, und sie verbieten mir, es zuhause anzuwenden.
Damals, als ich von dem Wagen gestürzt bin, da haben sie mich angeschrien. Ich solle liegenbleiben, bis der Heiler komme, haben sie gebrüllt. Ich solle wachbleiben und sie ansehen, solle mit ihnen reden, haben sie gefordert. Aber ich dürfe auf keinen Fall, AUF KEINEN FALL Magie wirken.
Der Heiler kam, sah mein Bein und meine Hüfte und verzog das Gesicht. Er hat mich zusammengeflickt, aber ein Hinken blieb zurück. Ein Hinken und eine Narbe im Gesicht. Meinen Kopf, den habe ich damals geheilt, bei allem Respekt meinen Eltern gegenüber - ich wollte mein Leben nicht als dummer Krüppel beenden, es reicht schon, wenn ich ein Krüppel bin.
Ich weiss nicht, ob sie es wissen, aber sie haben nie etwas dazu gesagt, und... naja... Eigentlich gehe ich davon aus, dass sie es nicht wahrgenommen haben, dass ich trotz allem meine... nun... Magie gewirkt habe. Und sie werden auch nie den Preis erfahren, den ich dafür gezahlt habe. So ist es mit der Zauberei - sie hat immer, immer ihren Preis.

Wir legen uns in ein Gebüsch, und Vater wirft mir einen missbilligenden Blick zu, weil ich so schwerfällig am Boden lande wie ein voller Kartoffelsack. "Tut mir leid", will ich sagen, aber Marten faucht mich an. "Still jetzt!" zischt er. "Die Sauen kommen gleich."

Und nun liegen wir wieder da im Dickicht und warten. Meine Hüfte pocht ob der verkrampften Haltung und ich kaue auf meinen Lippen herum, um ja keinen Laut von mir zu geben. Sie reden schon wieder über den Kuhhandel - SIE dürfen reden, nur mir verbieten sie den Mund, und das sagt so viel über unsere Beziehung aus. Ich, der dumme, kleine Bruder, den sie nicht leiden können.

Die Sauen tauchen tatsächlich auf, aber die anderen beachten sie nicht, sie streiten sich darüber, ob Vater nicht noch zwanzig Silbermünzen mehr hätte herausschlagen sollen. Und ich... Ich spüre, wie die Wut in mir hochkocht. Ich will nach Hause! Und damit meine ich nicht das Haus, in dem mein Vater und meine Brüder wohnen, damit meine ich die Heilergilde...

Ich hebe meinen Bogen und schiesse. Und ja, vielleicht nutze ich dabei sogar meine Gabe, wie sollen sie es auch merken, wo sie selbst zu blind sind zu merken, wie wütend sie mich mit ihren dämlichen Scherzen machen.
Im Geiste bitte ich das Tier um Verzeihung, als es mit einem stöhnenden Grunzen zusammenbricht. Der Pfeil an sich war nicht tödlich, aber die Tatsache, dass ich im Schuss das Herz des Tieres angehalten habe  - aber ich bezweifle, dass sie das merken werden, wenn ich schnell genug bei dem toten Tier bin.

Ich springe auf und laufe los, höre die Stimmen der anderen und grinse vor mich hin - weil ich sie überrascht habe, ja, aber auch wegen dem Lob, das ich in mir spüre... höre... Ich weiss nicht genau, was da passiert, aber es ist... nun... nicht meine Magie, aber die Stimme. Die Stimme, die mich nie anleitet, was ich tun soll, die aber jeden Erfolg und jedes Versagen meinerseits kommentiert. Und Lob... Lob ist viel, viel seltener als Rüge, und um so mehr freut es mich, dass ich es dieses Mal deutlich wahrnehme.

"Gregor hat es geschafft!" rufen meine Brüder. "Gregor hat seine erste Sau erlegt! Das müssen wir feiern! Komm trink mit uns, kleiner Bruder!"
Aber ich gehe zu dem Wildschwein ohne anzuhalten. Erst muss der Pfeil weg, das Tier aufgeschnitten werden, die Spuren meines Werks getilgt. Und dann kann ich... muss ich mit ihnen trinken. Und feiern. Und wenn die Sonne endlich gewendet hat, dann kann ich zurück zur Gilde. Ich zähle die Stunden.

Wer bist du? frage ich einmal mehr die Magie in mir, aber die einzige Antwort ist Stille.

***

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3. Ich halte dich

Eine kluge Frau hat einmal gesagt, dass man in einer Schlacht nur an eines denken darf: An den Moment. Und genau das ist mein Fehler, als ich hier in dieser Schlachtreihe stehe und sehe, wie der Feind anrollt. Es sind vierhundert Bogenschützen von Irollan, die sich hinter uns aufgereiht haben, und neben mir stehen Klingentänzer, viele, viele Klingentänzer. Sie bilden nur eine einzige Reihe, und ich weiss von meiner Ausbildung her, dass das reichen wird, um die Bogenschützen für eine ganze Weile zu schützen. Klingentänzer bilden keinen festen Schildwall, sie bilden eine wirbelnde, wogende Welle aus Klingen, treiben den Feind zurück und weichen dann selber wieder, und sie brauchen Platz dafür - Platz, den sie nur haben, wenn sie in einer einzigen Reihe stehen, anstatt in mehreren, wie alle anderen.
Nur da, wo wir uns versammelt haben, hat es mehr von ihnen, und sie halten gebührenden Abstand zu uns, mustern uns immer wieder mit einer Mischung aus Neugier und Unsicherheit... und vermutlich auch einer gehörigen Portion Misstrauen, wie ich sie kenne.
Wir sind acht Dämmerkrieger, die man hierher abgestellt hat unter dem Kommando von Schattengreifer Cygwen, und unser Auftrag ist klar. Wenn die Dämonen anrollen und die Klingentänzer sie von den Schützen fernhalten, dann durchbrechen wir die Reihe und kämpfen hinter der Frontlinie.
Niemand reisst eine Schlachtreihe effizienter auseinander als Klingentänzer, hier kommen wir durch. Hier können wir hinter die Angriffsreihen gelangen und uns durchschlagen bis zu den Reitern, die oberhalb der Felswand auf ihren feurigen Bestien sitzen und ihre Kommandos über die Reihen der Dämonen hinweg brüllen. Es ist eine Aufgabe für Dämmerkrieger, und wir sind bereit. Sie sind bereit.
Ich selber bin aufgewühlt, und so sehr ich mich auch zu konzentrieren versuche, es ist einfach zu viel los, zu viel auf einmal...

Da ist Kyras, den ich vor nicht allzu langer Zeit gesehen habe. Wie festgewachsen sass er auf dem Rücken dieses schwarzen Monsters, dem jemand hellblaue und goldene Bänder in Mähne und Schweif geflochten hat, um klarzumachen, dass es kein Dämon ist, kein Feind. Bedrohlich sah es nichtsdestotrotz aus, und Kyras ebenso, blutbefleckt und schmutzig und so gar nicht seiner Eitelkeit entsprechend.

Da ist die Tatsache, dass ich mitten zwischen Kriegern aus Irollan stehe. Was, wenn mich einer von ihnen erkennt? Es ist unwahrscheinlich, da ich mein Gesicht verhüllt habe, aber was wenn doch?

Da ist Cygwen, der weiss, dass wir ins Haus seiner Familie eingebrochen sind, dass wir den Untergang seines Hauses eingeleitet haben. Er hasst mich, und ich wäre jedem anderen Schattengreifer lieber unterstellt als ihm.

Und da ist diese riesige Einheit zu unserer Rechten, die einzige verbündete Einheit, die mit jedem Tag grösser wird anstatt kleiner. Heresh... und an ihrer Spitze ist diese eine Gestalt auf ihrem nachtschwarzen Geisterpferd, nur ein wehender Umhang mit einer leeren Kapuze, nur Rauch und Schatten und eine leere, kalte Dunkelheit, die einen zwingt, den Blick abzuwenden, ehe man Einzelheiten erkennen kann. Belketh...
Meine Kehle wird eng, wenn ich dorthin blicke, und mein Herz klopft fast schmerzhaft in meiner Brust, fast so, als müsste es für uns beide schlagen, wo das seine seit mehr als achthundert Jahren stillsteht...

Irgendwo wird ein Horn geblasen, irgendwo brüllen irgendwelche Monster, dann bebt der Boden, als die nächste Angriffswelle in Bewegung kommt. Und innert weniger Atemzüge stehen wir mittendrin, umgeben von den wirbelnden Waffen der Klingentänzer und den gigantischen Speeren der anrückenden Dämonen. Über uns brausen Pfeilschwärme hinweg, die jeweils für die Dauer von zwei, drei Herzschlägen den Himmel verdunkeln. Einem von ihnen blicke ich hinterher, versuche abzuschätzen, wo er landet, wo eine Bresche für uns entsteht...
Als ich mich wieder auf die nahe Umgebung konzentriere, ist Cygwen verschwunden. Hektisch blicke ich mich um, und dann sehe ich ihn... Der Hüne ist gefallen. Tot. Diese Verletzungen überlebt nicht einmal ein Schattengreifer, das sehe ich auf den ersten Blick.
Die anderen Dämmerkrieger werden zerstreut, es geht so schnell... so effizient. Die Dämonen wussten, das wir da sind! Sie wussten es, und sie haben eindeutig den Auftrag, sich um uns zu kümmern.

Schlagartig geht es nicht mehr darum, eine Bresche zu erreichen, es geht darum zu überleben und irgendwie aus diesem Hexenkessel herauszukommen, in dem ich mich plötzlich befinde.
Ich kämpfe mit allem, was ich habe, wirble herum, sehe keine Freunde mehr, keine Feinde, nur noch die Hügelkuppe zu meiner Rechten, die ich erreichen muss. Heresh. Sie wären verrückt, mir dorthin zu folgen. Nein, sie SIND verrückt, sie sind blindwütige Dämonen ohne Sinn und Verstand, aber wenn ich nur die Reihen der Ghule erreiche, dann... kann ich überleben.

"HERESH!" brülle ich in der Hoffnung, dass meine Gefährten mich hören. "Schlagt euch zu Heresh durch!"
Ich wende mich nach rechts, trete und schlage und fuchtle mit meinen Klingen herum - kein eleganter Kampfstil mehr, nur brachiale Gewalt und das Ringen um jeden Schritt, um jede noch so kleine Positionsverschiebung nach rechts. Ein Dämon nach dem anderen fällt unter meinen Schlägen, es sind minderwertige, kleine Biester, aber Hunderte und Aberhunderte von ihnen.

Und dann bricht die Reihe der Angreifer für einen Moment auf und ich sehe Cygwens Leiche - wurde ich schon so weit zur Seite abgedrängt?

Neben Cygwen kauert eine Gestalt, die ich immer und überall erkennen würde. Kyras. Wo ist das Monster? Wieso ist er allein? Ich starre ihn an, sehe, wie er der Leiche die Maske vom Kopf zieht und... Nein!
"Ky..." will ich seinen Namen rufen, und dann stürze ich vornüber, falle, schlage auf dem Boden auf, der matschig ist von Blut und anderen Körperflüssigkeiten. Blut... Fast wie in einem Traumzustand wird mir bewusst, dass das Blut auf meinen Händen das meine ist... und viel davon. Es tropft aus meinem Mund, fliesst hellrot auf die Handrücken, mit denen ich mich abgestützt habe.
Hellrot... Hellrot ist nie gut, Hellrot bedeutet einen schnellen, unaufhaltsamen Tod... Ich will nach Luft schnappen, aber es geht nicht, da ist nur Blut... Blut überall, Blut, das in mir gurgelt und meine Brust füllt, meine Lunge...
Sie hatte recht, damals... Man darf in der Schlacht nur für den Moment leben, nur im Moment existieren. Hätte ich mich auf mich selber konzentriert, hätte mein Sohn vielleicht heute Abend noch einen Vater...
Ob er heute Abend noch leben wird? Ob er meinen Ruf gehört hat? Hoffentlich nicht... Ich will nicht, dass er denselben dummen Fehler macht wie ich... dass er sich von mir und meinem jämmerlichen Tod ablenken lässt...

Kräftige Arme umschliessen mich, ziehen mich hoch. Kyras! Nein! Aber die Arme sind kalt... kalt und hart, als würde mich eine Marmorstatue umschliessen. Ich röchle, schnappe nach Luft, die ich nicht mehr einatmen kann und spüre, wie sich eine unaufhaltsame, dunkle Kälte in mir ausbreitet.
Verzweifelt versuche ich noch einmal die Augen zu öffnen, zu sehen, wer mich da festhält... und weshalb...
Ich sehe nur Dunkelheit... Erst denke ich, dass ich blind bin, dass ich im Sterben mein Augenlicht verloren habe... Aber dann erkenne ich das Wabern und Wallen der Dunkelheit, die rauchigen Wolken, die sich in langsamen Kreisen bewegen. Ich höre das Geifern und Knurren der Untoten in der Nähe, so anders als die Laute der Dämonen und doch genauso schrecklich.
Und dann ist da ein Hauch von grünen Augen, eine scharfe Kinnlinie, perfekt geschwungene Lippen in dunkelgrauer Haut. Belkeths Gesichtszüge formen sich aus dem Rauch heraus, und dann bewegen sich diese Lippen, rissig und spröde, als würde er genauso unter dem Staub und dem Durst leiden wie alle hier.

"Ich halte dich", höre ich ihn sagen, und seine Stimme klingt sanft und melodisch, die Stimme eines Engels. "Ich habe dich, Riordain... Ich halte dich fest, mein Eichhörnchen."
Ich spüre, wie mein Körper sich entspannt, auch wenn alles in mir nach Luft schreit, wenn das Blut in meinen Ohren tost und das Herz hämmert, um das verbleibende Blut noch in meinem Körper zu verteilen...  Es hilft nichts, es beschleunigt nur mein Sterben.
"Rette mich", will ich in einem letzten Moment der Schwäche wispern, aber das Blut füllt meinen Mund, und ich kann keinen Laut mehr von mir geben.
"Ich halte dich", flüstert Belketh, und ich weiss, dass ich nicht gerettet werden will. Ich will nicht diese endlose, untote Existenz, die er einst für sich gewählt hat... Ich schliesse die Augen und versuche loszulassen. "Ich halte dich. Ich bleibe bei dir, bis es vorbei ist. Sei nur ruhig, ich habe dich... Ich bin hier... Ich werde bleiben bis zuletzt... Ruhig, mein Eichhörnchen, ich halte dich."Die Stimme murmelt immer nur dieselben Worte, und dann... "Schlaf, mein Eichhörnchen", wispert sie, und ich lasse los, lasse die Dunkelheit mich umschliessen und stelle mit letzter Erleichterung fest, dass da nur noch Stille ist.


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 Betreff des Beitrags: Re: 30 Tage, 30 Kurzgeschichten
 Beitrag Verfasst: So 4. Apr 2021, 02:00 
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4. Frühstück

Ich weiß nicht wann ich das letzte Mal so müde und so besorgt gewesen bin. Müde strecke ich mich in dem raschelnden Stroh aus und fühle jeden Knochen im Leib. Um mich herum schnaufen die Pferden und das ein oder andere klopft gegen die Boxentür. Sieht so aus als würde es bald Frühstück geben, die Tiere wussten ganz genau zu welcher Zeit der Stallmeister mit ihrem Futter kam.

„Und du Kleiner?“, ich betrachte das Bündel aus Fell und langen Beinen neben mir, das einfach da liegt ohne zu zucken. Immer wieder bin ich in der Nacht aufgestanden, habe nahrhafte Ziegenmilch erwärmt und es dem Fohlen in einer Flasche angeboten, deren Nuckel seinen Zähnen stand halten sollten. Aber momentan wird er ohnehin nicht großartig strapaziert, denn das Fohlen, das ich dem schrecklichen alten Pferdehändler abgekauft habe, ist mehr Tod als lebendig. Seine Mutter sei einfach gestorben, hatte der Händler gesagt und etwas von einem verdammten Verlustgeschäft gemurmelt, da das Fohlen ja nun auch eingehen würde.
Irgendwie... hat es mich daran erinnert dass ich selbst einmal ein Waise war, hätten meine Eltern mich nicht aufgenommen und ich hatte es dort nicht zurücklassen können. Meinen Begleitern habe ich erzählt dass der Alte mir das Tier geschenkt hat, ich habe mich nicht getraut ihnen die Wahrheit zu sagen aus Angst, sie würden mich auslachen.

„Warum macht ihr euch überhaupt die Mühe Sir Raoul? Ihr zögert es doch für das arme Ding nur hinaus“, erklingt da auf einmal eine Stimme von der Boxentür her und ich sehe wie der Stallmeister mich ansieht. Als wäre ich zu dumm um das offensichtliche zu sehen und zu verstehen.
„Nein, er wird nicht sterben!“, sage ich fest und mit sicherer Stimme. „Und wenn ihr euch nützlich machen wollte, dann bringt mir aus der Küche eine Flasche mit warmer Ziegenmilch, der Koch weiß Bescheid. Er sollte bereits etwas vorbereitet haben“, weise ich den Mann an bevor ich noch ein ruhigeres „Bitte“, hinzufüge. „Ich würdet mir damit einen großen Gefallen tun.“ Der Stallmeister brummelt, aber kurz darauf höre ich ihm einen Stalljungen den Befehl erteilen während er selbst weiter von Pferd zu Pferd geht um die ungeduldigen Mäuler zu stopfen und sich dabei zu versichern dass es allen gut geht. Er ist ein wirklich fähiger Mann und liebt die Tiere über alles, aber im Falle des Fohlens hat er einfach nicht recht.

„Nun hör mir mal zu Kleiner“, fange ich und betrachte das Fohlen ernst, das mich aus erstaunlich klugen, wenn auch matten Augen beobachtet. „Oder nein, nicht Kleiner. Da du leben wirst, brauchst du einen Namen!“, ich beiße mir auf der Unterlippe herum und überlege, finde und verwerfe Namen und schließlich leuchten meine Augen auf. „Mein Vater erzählte mir eins von einem stolzen und klugen Kriegsross namens Nandor, das seinem Herren diverse Male das Leben gerettet hat weil es spüren konnte dass die Brücke bald einstürzen würde oder welche Weg der sicherste im hohen Schnee war. Oder aber weil er auch in Schlachten mit vollen Einsatz gekämpft hat und gezielt Gegner trat und biss. So ein Pferd wirst du irgendwann einmal werden, dass weiß ich genau, also Nandor. Gleich wirst du dein Frühstück erhalten und du wirst es trinken, hast du gehört?“, sage ich streng zu dem Fohlen bevor ich mich leicht nach vorne beuge.

„Ich habe es gesehen weißt du? Ich habe gesehen wie du mich in die Schlacht trägst, jene Schlacht die einmal mehr das Schicksal zwischen Menschen und Dämonen entscheiden wird. Das willst du dir doch nicht entgehen lassen oder Nandor?“, frage ich das Fohlen wispernd und einmal mehr scheint es mich gründlich zu mustern. Dann wackelt es plötzlich und im nächsten Moment spüre ich das kleine Maul an meinem Arm, wo es mich einmal nur leicht zwickt, was mich wiederum zum lachen bringt.
„So ists recht! Du wirst unseren Feinden das fürchten lehren mein Freund.“

Und als der Stalljunge mit der Milch kommt, trinkt das Fohlen zum ersten Mal mehr als nur ein oder zwei Schlucke aus der Flasche, während ich es sanft kraule. Es war kein Zufall dass ich auf ihn gestoßen bin, so sicher wie ich einen Teil der Zukunft kenne, so sicher bin ich mir dass dieses Pferd seine Rolle dabei spielen wird.


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 Betreff des Beitrags: Re: 30 Tage, 30 Kurzgeschichten
 Beitrag Verfasst: Mo 5. Apr 2021, 01:09 
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4. Pickel

Seit gefühlten Stunden schleichen wir durch diesen seltsamen Palast, wo alle Statuen Augen zu haben scheinen, wo man sich dauernd beobachtet fühlt, obschon wir bisher noch keinem einzigen Lebewesen begegnet sind. Ich wusste, dass es in den Siebenstädten seltsam zu und her geht, aber das hier... das ist nicht nur seltsam, es ist unheimlich.
Hinter einem kleinen Dickicht kauere ich mich hin und lausche. Und unwillkürlich fasse ich zum wiederholten Mal heute an die Stelle an meiner Nase, wo sich ein unangenehmer Druckschmerz aufbaut. Erst habe ich ihn gar nicht bemerkt, aber als ich zufällig meine Nase berührt hatte, spürte ich die Stelle, und seither habe ich dauernd das Bedürfnis, sie anzufassen, sie zu kratzen, zu drücken, was weiss ich - irgendetwas, damit der Druck nachlässt. Und der Schmerz, der gleichzeitig harmlos wie auch omnipräsent ist, lenkt mich ab, was mich ungemein ärgert.
Ich verziehe das Gesicht, erst recht, als ich, in dem Moment, wo ich meinem Nasenflügel entlang schiele, einen roten Buckel entdecke. Dass es unangenehm ist, ist schlimm genug, aber dass man es sieht! Ich fühle mich entstellt - und die Tatsache, dass ich eine Halbelfe bin, macht es nur noch schlimmer.

Das sei normal, hat Yugan gesagt, Yugan, Meister Halbelf, dessen Haut so glatt ist wie die eines Neugeborenen, der in seinem Leben vermutlich noch nie so etwas hatte wie einen Pickel. Und ich? Meine Züge verraten mein elfisches Erbe, aber das ist auch alles. Im Gegensatz zu Herrn Perfekt, dem lautlosen, geschmeidigen Assassinen, der dazu auch noch seine elendigen Schatten greifen kann, als wären es schwarze Tücher, habe ich von allem nur die menschliche Seite abbekommen. Ich bin plump und schwerfällig, gerate leicht ausser Atem, und jetzt? Jetzt bekomme ich sogar noch verdammte Pickel. Kann es nicht wenigstens einen einzigen Vorzug haben, eine Halbelfe zu sein? Nur einen? Ich höre schon die Sprüche der anderen, wenn sie es sehen - sie werden nicht mit Hohn und Spott sparen...

Yugan taucht neben mir auf und zieht eine Braue hoch in dieser unsäglichen Geste, wo ich ihn einfach nur packen und schütteln möchte. "Nicht dran rumdrücken", warnt er mich. "Er wird dann nur noch grösser."
"Und woher willst du das wissen?" fauche ich, und er grinst. "Ich weiss es eben."
Ich verdränge die Bilder, die sich unweigerlich in meinem Geiste bilden wollen - Yugan, der die Pickel seines Liebhabers ausd... nein... behandelt... Ich verziehe das Gesicht. Ich werde nie verstehen, was er an diesem Sambar findet. Ich werde auch nie verstehen, wieso er andere über die Familie stellt. Vater kann uns alles bieten. ALLES! Wieso versucht Yugan immer und überall, sich unter Wert zu verkaufen? Und wieso tut er das mit dieser unsäglichen Arroganz? Und wieso bin ich neben ihm das hässliche Entlein, jetzt dazu noch mit einem Pickel mitten im Gesicht?

Yugan deutet mit dem Kinn zu einer geschlossenen Doppeltür. "Dort rein", sagt er leise. "Ich gehe die Fassade hoch, du innen. Wenn er abhauen will, stoppst du ihn, egal wie. Ich treibe ihn dir vermutlich entgegen - ich rechne nicht damit, dass er unsere Ankunft friedlich in seinem Bett schlafend erwartet."
Ich nicke. Ich könnte auch die Fassade hochklettern, aber es ist vollkommen klar, dass Meister Perfekt das selber tun will, dass er es mir nicht zutraut. Aber Yugan... Yugan kann alles. Und das kurze Zögern, als er mir erklärt hat, dass er hochklettern würde... das habe ich mir doch nur eingebildet, weil ich seit jeher irgendeine Schwäche in ihm suche, oder?

"Ich schaffe das", sagt er mit sicherer Stimme, als hätte er meine Gedanken gelesen, mein Zweifel erkannt. Aber wieso sollte er es nicht schaffen? "Und es ist mir lieber, wenn du das Treppenhaus nimmst. Im Zweifelsfalle bist du unauffälliger als ich."
Ich nicke. Ich brauche keine Erklärungen, ich brauche Befehle. Und ohne länger abzuwarten, husche ich auf das hölzerne Doppeltor zu, kauere mich kurz davor ins Gebüsch, lausche und schleiche dann so nahe heran, dass ich es berühren kann. Es ist still hier... so unendlich still. Und doch rechne ich jeden Moment damit, dass mich eine Statue angreifen könnte.

Wieder reibe ich mir die Nase, verziehe das Gesicht. Und während ich mit einer Hand die Tür aufdrücke, drücke ich mit der anderen an dem Pickel herum. Es ist still, was sollte mich im Treppenhaus schon erwarten? Knarrend schwingt der hölzerne Türflügel auf, und ich erwarte dahinter einen langen, dunklen Gang, so wie jener, durch den wir vorhin in diesen Garten gelangt sind. Yugan hatte einen Namen dafür, diese besonderen, dunklen Tunnel, die den ersten Blick auf den Garten um so prächtiger erscheinen lassen. Yugan Alleswisser... Ich verziehe das Gesicht und reibe mir die Nase, als ich eintrete.

Es ist nicht das Treppenhaus. Eine riesige Statue blickt mich an - und ja, ihre Augen sind wach und intelligent und sie kauert sich hin, dass der Stein nur so knirscht... und dann springt sie ab, und ich schreie auf. Zentnerschwer landet sie auf meiner Brust, ich höre die Rippen knacken und mein Schrei endet in einem erstickten Grunzen. Als die Katzenstatue ihre Pranke hebt, schliesse ich die Augen und warte auf den Schmerz. Meine Nase pocht und schmerzt, aber ich weiss, dass dieser Schmerz bald durch einen viel stärkeren verdrängt werden wird - schon jetzt tut jeder Atemzug weh, aber... ihre Krallen...

Der Schlag kommt, und gleichzeitig höre ich einen Aufschrei... einen Wutschrei. Yugan! Meine Wange brennt, alles brennt, ich spüre, wie es heiss und warm über meine Haut rinnt, Blut? Tränen? Ich weiss es nicht. Der Schmerz ist unsäglich, und doch ist er harmlos verglichen mit den Rippen. Krallen scharren über Stein, und dann ist da ein schreckliches, unnatürliches Knirschen, das Bersten von Stein und... Stille.

Lautlos taucht er neben mir auf, der verfluchte Halbelf, und gleich darauf spüre ich ein Tuch auf meiner Wange. "Ruhig, kleine Schwester", sagt er sanft. "Bleib ruhig. Es kommt gleich ein Heiler für deine Rippen." Ich will etwas sagen, will fragen, wie meine Wange aussieht, weshalb sie so schmerzt, aber... ich sehe es in seinen Augen. Enstellt. Vor zwanzig, dreissig Atemzügen dachte ich noch, dass ein Pickel mich entstellen würde. Und jetzt? Jetzt ist mit einem Schlag alles anders geworden, und diese, meine Welt wird nie mehr so sein wie zuvor.

***

Bild

4. Frühstück

"Ich hasse Zimtschnecken", sagt Vryhan, als er den Garten betritt und eine grosse Tüte vor mich hinstellt. "Aber ich weiss, dass du sie liebst, daher..."
Mit schiefgelegtem Kopf betrachte ich ihn, will eigentlich gereizt aussehen, schaffe es aber nicht, wenn ich sein Grinsen sehe, die fast jungenhaft wirkenden Zügen, in denen heute so gar nichts von einem Dämonen zu sehen ist.
"Das heisst, du hast bestanden?" frage ich, und er tritt hinter mich und legt seine Arme um meinen Hals, umarmt mich und drückt seine Nase in meine Halsbeuge.
"Du riechst so gut", sagt er sanft, und ich erröte wider Willen. Ich weiss, ich sollte mich befreien, sollte  diese Umarmung nicht zulassen, jedenfalls nicht so lange, nicht auf diese Weise, aber... es tut so gut, gehalten zu werden.

Zwei, drei Atemzüge lang halte ich still, dann drehe ich mich um, so gut es geht, und blicke anklagend zu ihm hoch, als er sich aufrichtet.
"Hast du oder hast du nicht?"
Er zuckt mit den Schultern. "Ich bin gestolpert", sagt er. "Habe die Fächer aneinandergeditscht und mit dem Rechten den Linken zugefaltet. Dann war der Linke irgendwie verklemmt, ich hab ihn erst drei Schritte später wieder ganz auffalten können und war dann so verdutzt, dass es geklappt hat, dass er mir aus der Hand gerutscht ist. Ich habe ihn irgendwie noch fangen können, aber dabei bin ich über meine eigenen Füsse gestolpert und musste einen rettenden Zwischenschritt einbauen."

Ein leises Knurren dringt aus meiner Kehle. Ich weiss nicht, was für Blut in meinen Adern fliesst, aber es waren sicher nicht flauschige Häschen und süss zwitschernde Kanarienvögel unter meinen Vorfahren - dagegen sprechen schon nur die Hörner. Zentaur, bestenfalls, vielleicht Ork... oder schlimmstenfalls ist es Dämonenblut, wer weiss das schon. Aber das Knurren, das kann durchaus bedrohlich klingen und hat mir schon mehr als einmal den Arsch gerettet - meist sogar wortwörtlich.

Vryhan  weicht zurück und hebt abwehrend die Hände, aber dann muss er lachen, und ich stimme unwillkürlich mit ein.
"Bestanden", sagt er und nickt zu der Tüte auf dem Tisch. "Sonst hättest du keine Zimtschnecken bekommen."

Er blickt sich um, beisst sich auf die Unterlippe und lächelt dann verlegen, während ihm die Röte den Hals hinauf steigt bis zu seinen Wangen.
"Was denkst du?" fragt er und räuspert sich. "Talshaya ist unterwegs, und sie kriegt natürlich auch noch ihren Dank, aber... naja... Wollen wir es noch einmal versuchen? Weisst du... ohne ihn?"
Er klopft seitlich an seine Schläfe. "Ich habe mir einen freien Nachmittag ausbedungen, wenn ich bestehe, und er war einverstanden. Es wären also nur du und ich... und... naja... Magst du mich zum Markt begleiten? Ich würde dir gern etwas mehr kaufen als nur Zimtschnecken, und dann... vielleicht mit dir essen gehen? Nicht Strandfisch, sondern eher... naja... etwas Gehobeneres..."

Ich klopfe auf den freien Platz neben mir. "Erst Frühstück", sage ich und greife nach der Tüte. "Und ein ausführlicher Bericht. Und dann..."
Ich lächle und spüre, dass meine Haut sich vermutlich gerade lila färbt vor Verlegenheit. "Dann... Markt und Essen. Ich denke, den freien Nachmittag haben wir uns beide verdient."


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 Betreff des Beitrags: Re: 30 Tage, 30 Kurzgeschichten
 Beitrag Verfasst: Mo 5. Apr 2021, 01:12 
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99 Münzen


9 Silberrmünzen und 9 Kupfermünzen habe ich für ihn bezahlt, nicht mehr und nicht weniger. Ich hole raselnd Atem und beobachte Nandor durch ein Sichtfeld, das an den Rändern langsam schwarz zu werden beginnt. Mein Pferd tanzt um mich herum, hält alles von mir fern das irgendwie nach Dämon aussieht und zwischendurch, wenn er meint alle seien außer Reichweite, stupst er mich an und scharrt ungeduldig mit den Hufen um mich dazu bewegen aufzustehen. Aber ich werde nicht mehr aufstehen können, die Krallen eines Dämons haben mir den Leib aufgerissen, trotz der Rüstung. Ich huste und ein kupferartiger Geschmack breitet sich in meinem Mund aus, hier ist es also, das Ende welches ich erträumt habe als Kind. Jenes Ende das mir Alpträume beschert hat, denn wer träumt schon gerne von seinem eigenen Tod? Damals habe ich noch nicht um meine Gabe gewusst, erst sehr viel später ist es mir klargeworden.

Hufe wirbeln erneut auf und mein Pferd springt vor als sich uns etwas zu näher wagt. Wer hätte es gedacht, wer hätte gedacht dass das kleine und halb verhungerte Fohlen von damals ein solch prachtvolles Tier werden würde, ein Reitpferd auf den sich jeder Ritter etwas einbilden durfte. Ich habe ihn gekauft, für 9 Silbermünzen und eine Handvoll Kupfer, der alte Händler hatte sich weder im Preis herunterhandeln lassen noch hatte er die Goldmünze akzeptiert die ich ihm hatte geben wollen. Oh, er hatte die Münze nicht abgelehnt, ich lächle verzerrt bei der Erinnerung, aber er hatte darauf bestanden mir eine Kupfermünze zurückzugeben. Ein seltsamer Kauz. Damals habe ich ihn für einen raffgierigen Händler gehalten, heute... bin ich mir nicht mehr so sicher. Ein Pferd dass das Zeichen der Drachen trägt, kann das normal sein? Nein, normal ist nichts an ihm, am wenigsten sein Verhalten.

An dieser Stelle hatte meine Sicht auf die Zukunft versagt, ich würde nie erfahren was es mit ihm auf sich hat. Aber... es ist gut so, heute bedauere ich nur dass ich künftig nicht mehr zusammen mit ihm den Wind jagen kann.
9 Silbermünzen und 9 Kupfermünzen, der Händler hatte ihn mir für einen Spottpreis verkauft, ich hätte sein Gewicht in Gold aufwiegen sollen. Nicht weniger ist er wert.


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