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 Betreff des Beitrags: Heimkehr
 Beitrag Verfasst: Di 19. Mär 2019, 17:26 
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Dämmerkrieger
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Die ersten ein, zwei Stunden laufe ich nur, ziellos, einfach geradeaus, weg von dem Tal. In mir ist eine Leere, die ich noch nicht erfassen kann... und ich bin noch nicht bereit, mich ihr zu stellen. Und so laufe ich, und es gibt nur mich und diese einförmige Bewegung, den gleichmässigen Atem, die rhytmischen Schritte, den erhöhten Herzschlag, der in meinen Ohren pocht. Kein Gedanke hat hier Platz, es ist eine Art der Meditation, die mich davon abhält nachzudenken.

Und dann habe ich einen kleinen See erreicht, an dessen Ufer ich anhalte. Eine ganze Weile stehe ich einfach nur da und blicke auf die Wasseroberfläche, und ich fühle mich so einsam wie nie zuvor in meinem Leben. Dieser Schmerz... So lange ich die Menschen von mir ferngehalten habe, habe ich nie etwas Vergleichbares empfunden wie jetzt. Vor meinem inneren Auge sehe ich Piriel, lachend, weil er zu seiner Familie zurückkehren kann. Vayaron, der mit den anderen Dunkelelfen wegspaziert, so nahe an einem Lächeln, wie er es nur sein kann. Mollys perlendes Lachen hallt in mir nach, Rhanias Grinsen, als sie sich in die Arme des Ritters mit dem kurzgeschorenen Haar wirft. Und Seth... Wie er zurückblickt, als er schon auf dem Pferd sitzt...

Ich sinke auf die Knie und vergrabe mein Gesicht in den Händen, verharre so, während die Gefühle über mich hinwegtosen wie in einem unaufhaltsamen Sturm. Darum habe ich sie immer alle weggestossen, darum wollte ich immer alleine sein. Und jetzt bin ich alleine, und es fühlt sich an, als wäre in mir etwas zerbrochen. Zitternd verharre ich so, und mein Körper sehnt sich danach, eine Hand auf der Schulter zu spüren, beruhigende Worte zu hören, Seths Stimme, seine Hand in meinem Haar, seine Lippen an meinem Hals... Nein! Ich rapple mich auf, reisse mir förmlich das Hemd vom Leib und presse meine linke Hand auf das Mal am rechten Oberarm.

"Katze, neun sieben neun eins sieben eins null zwei, Meldung", krächze ich heiser und bin erschrocken über den Klang meiner eigenen Stimme. Ich räuspere mich und versuche es erneut, als keine Antwort kommt. Das Mal brennt leicht, und dann, endlich, als ich schon eine vage Angst verspüre, dass es auch jetzt ausserhalb der Barriere nicht mehr geht, höre ich Rowans Stimme in meinem Kopf. "Dai?" höre ich, und die Stimme... zittert?
"Katze, neun sieben neun eins sieben eins null zwei, Meldung", wiederhole ich dieses Mal etwas sicherer. "Ja, ich bin es", füge ich dann leise hinzu. "Steck dir die Meldung in den Arsch", kommt scharf zurück. "Wo bei Urgashs pickligem Schwanz steckst du?"
"Ich habe keine Ahnung", gestehe ich ehrlich und richte mich langsam auf. "Darum melde ich mich ja. Ich muss abgeholt werden." Ich lächle schwach ob dem vertrauten Fluchen. Er hat mir gefehlt... Sie haben mir alle gefehlt. "Verwilderter Landstrich an der Westküste", sage ich schliesslich, als von Rowan nichts weiter kommt. "Ich war hinter einer magischen Barriere gefangen und bin erst heute wieder herausgekommen."

Stille. "Rowan?" frage ich leise, aber es dauert einen Moment, bis ich wieder eine Antwort höre. "Wir holen dich ab", sagt er. "Bist du allein?"
"Ja." Ich schlucke leer. Ich bin allein, und nie zuvor ist es mir so schwer gefallen, allein zu sein. "Beeilt euch", sage ich dann leise. "Bitte."
"Wir kommen", höre ich. "Beweg dich nicht von der Stelle. Wir kommen. Und Dai... Ich bin froh, deine Stimme zu hören."

Das Brennen des Mals hört auf, die darauffolgende Leere in meinem Kopf ist noch viel schlimmer als vor dem Gespräch. Langsam bewege ich mich von dem Seeufer weg und beginne Feuerholz zu sammeln. Es wird seine Zeit dauern, bis sie da sind, und es bringt nichts, dass ich hier frierend und hungrig in Selbstmitleid versunken sitzenbleibe. Damit ist niemandem gedient, Rowan nicht, meinen Freunden nicht, mir nicht und Seth am allerwenigsten. 'Pass auf dich auf', hat er gesagt, und genau das werde ich tun. Mit einem Feuer, einer warmen Mahlzeit und einem möglichst sicheren Schlafplatz werde ich alles tun, was ich kann, um... auf mich aufzupassen.


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 Betreff des Beitrags:
  Verfasst: Di 19. Mär 2019, 17:26 
 


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 Betreff des Beitrags: Re: Heimkehr
 Beitrag Verfasst: Di 19. Mär 2019, 18:37 
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Dämmerkrieger
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Es ist dunkel und kalt, und ich sitze nahe an einem kleinen Feuer, knabbere an einer wilden Möhre herum und starre in die Flammen. Ich bin müde, so unendlich müde, und ich habe das Gefühl, dass jeder Muskel in meinem Körper schmerzt. Meine rechte Hand bewegt sich wie unbewusst zu dem Mal an meinem Hals, und ich spüre, wie die Haut dort immer noch leicht empfindlich ist. Es wird verblassen, so wie auch der Schmerz in meinem Körper in zwei Tagen verschwunden sein wird, die Müdigkeit nach einer erholsamen Nacht vergessen... Diese letzte Nacht wird keine Spuren zurücklassen, ausser in meiner Erinnerung.

Ich presse die Lippen aufeinander, stochere im Feuer herum und frage mich, wo die Ritter jetzt wohl sein mögen. Wie es Seth wohl geht? Ob er jemandem von mir erzählt hat? Oder Rhania? Ich hoffe, sie passt auf ihn auf, schützt ihn vor neugierigen Blicken und Fragen und allem, was ihn in Schwierigkeiten bringen könnte. Ach, wenn er ihre Nähe nur besser ertragen könnte...

Kurz frage ich mich, ob Kamil wie ich gerade irgendwo alleine an einem Feuer sitzt und um seine verlorene Geliebte trauert. Aber irgendwie passt das nicht zu ihm - viel eher stellt er Menan und den anderen nach und versucht, einfache Beute zu schlagen, jetzt, wo wir ihn nicht mehr alle im Auge behalten. Ich schnaube. Hoffentlich sind sie darauf gefasst...

Als es im Gebüsch knackt, bin ich schneller mit der Hand beim Dolch, als ich es von mir selber erwartet hätte. Gleichzeitig schütze ich wie aus einem Reflex heraus meinen Hals, innerlich die Augen rollend. Nur weil ich an Kamil denke, heisst es nicht, dass er sich hier nähert, und er wird mir auch wohl nicht gleich an die Kehle gehen - da gäbe es einfachere Ziele... und er hat nun wirklich keinen Grund, mich jetzt zu bekämpfen.

"Krieger", höre ich aus dem Gebüsch und verspanne mich, lasse augenblicklich den Dolch fallen und starre vermutlich dorthin wie ein Reh angesichts des gespannten Bogens des Jägers. "Nein", kommt tonlos über meine Lippen, und meine Nackenhaare stellen sich auf, als ich auf das Unvermeidliche warte. Es ist Routine, sie MÜSSEN es tun... Sie müssen... Egal, wie sehr ich es hasse und fürchte... jetzt noch mehr als zuvor. Doch das erwartete Wort bleibt aus, stattdessen höre ich eine vertraute Stimme.
"Dai?"
"Gayan", krächze ich und versuche vergeblich, mich zu entspannen. "Ihr wart schnell..." Mein Mund ist ausgetrocknet, ich räuspere mich und warte halb und halb immer noch auf den Befehl, der nicht kommen will. "Wohl wahr", ertönt eine andere Stimme, eine, die ich nicht zuordnen kann, und ich bleibe angespannt. "Sie hatten es sehr eilig."

"Krieger", dieses Mal ist es Rowans Stimme, und ich ziehe meine Schultern hoch, und presse die Kiefer aufeinander, bis meine Zähne schmerzen. "Komm her und lass dich ansehen", kommt anstelle des erwarteten Befehls, und ich zittere beinahe vor Anspannung, als sich ein grosser, breitschultriger Körper aus dem Dickicht bewegt und auf mich zu kommt. Rowan... unverkennbar Rowan. Ich starre ihm entgegen, nicht in der Lage, mich irgendwie zu bewegen, und mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich den vertrauten Tabakgeruch rieche, der ihn so gut wie immer umgibt, wenn er auf den Inseln ist und sich nicht heimlich bewegen muss. Er tritt auf mich zu, breitet die Arme aus, und dann drückt er mich an sich wie ein Bär, droht mich beinahe zu zerquetschen und fühlt sich dabei so vertraut an, dass ich mich nur an ihn lehnen und die Umarmung erwidern kann...

... nur um weggestossen zu werden, zu stolpern, zu fallen und aus dem Augenwinkel zwei Schemen zu sehen, die auf mich zuspringen. Mein Fehler wird mir bewusst, als ich eine Klinge an der Kehle spüre, ein gezischtes "Wer oder was bist du, Arschloch?"
"Dai", wispere ich. "Es... ist viel passiert..."

Eine Hand streicht grob über meinen Oberschenkel, und ich weiss genau, wohin sie zielt, muss mein Wegzucken und die Anspannung im ganzen Körper nicht spielen. Mit zusammengebissenen Zähnen lege ich den Kopf in den Nacken, um dem Druck der Klinge auszuweichen. "Pfoten weg von der Narbe", zische ich dabei, spüre zu viele Hände auf mir, die mich festhalten, zu Boden pressen, mich nach Waffen abtasten...
Und dann lockert sich der Druck des Messers und ich japse nach Luft.

"Ein Knutschfleck? Ernsthaft?" Rowans Stimme klingt halb amüsiert, halb schockiert und immer noch voller Zweifel, und ich öffne mein Auge wieder und funkle ihn wütend an. "Schnauze. Es ist viel passiert, sage ich doch. Und jetzt lasst mich los, alle zusammen." Ich wehre mich nicht, noch nicht - es bringt nichts, wenn so viele Dämmerkrieger um mich herum stehen... Rowan... Gayan... Yugan? Was macht er hier?
"Deshalb wart ihr so schnell", keuche ich, als ich verstehe, und ich starre Rowan an. "Und jetzt lass los, verdammt nochmal. Spiel deine Hypnosespielchen, wenns denn sein muss, aber lass mich los."

"Wer ist sie?" Der Druck der Klinge wird wieder stärker, Rowan klingt bedrohlich, und sein Blick ist voller Misstrauen. "Er", antworte ich. "Es ist ein Er. Und ich habe euch auch vermisst, Jungs, aber ich wäre jetzt trotzdem dankbar, wenn ich mich wenigstens aufsetzen dürfte."
Jemand zieht mich hoch, reisst an meinem Ärmel, ich spüre das Brennen des Mals, knirsche mit den Zähnen und lasse sie machen, weiss, dass alles nichts hilft, bis sie sich sicher sind.
"Es war eine lange Zeit", murre ich leise, als Gayan meine Augenbinde entfernt und mir ins Auge blickt. "Ich darf mich auch ein bisschen verändern."
"Ein bisschen", knurrt Rowan. "Ein Dai, der eine Umarmung erwidert, anstatt mich in die Eier zu treten, ist mehr als nur 'ein bisschen' verändert, würde ich sagen. Wie sieht's aus?" fragt er dann die anderen, und Gayan gibt mir einen Knuff gegen die Schulter. "Er ist es, würde ich sagen. Das Auge ist jedenfalls echt."
"Alles ist echt", höre ich Yugans kalte, klare Stimme. "Er ist keine der Kopien, sein Ki ist unverkennbar. Die Frage ist nur, was sie mit seinem Kopf angestellt haben."

Rowan nimmt das Messer weg, Gayan zieht die Augenbinde wieder herunter, und ich lasse mich auf den Rücken fallen. "Das erzähle ich euch gern", sage ich dann leise. "Aber bitte bringt mich erst nach Hause."


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 Betreff des Beitrags: Re: Heimkehr
 Beitrag Verfasst: Mo 15. Apr 2019, 14:21 
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Ich weiss, was passieren wird, als ich Yugans Blick sehe. Die anderen mögen misstrauisch sein, aber in gewissem Masse vertrauen sie mir auch, weil sie mir vertrauen WOLLEN, weil sie sich nichts mehr wünschen, als dass ich wirklich Dai bin. Yugan ist das egal, er ist ein Mann, der sich an die Regeln hält. Und als er sich in mein Blickfeld schiebt und mich mit seinen kalten Augen betrachtet, kann ich nur seinen Blick erwidern und stumm nicken.

"Krieger", sagt er mit absolut neutraler Stimme, und ich beisse die Zähne zusammen und warte ab. "Neun sieben neun eins sieben eins null zwei. Bericht."

Die Welt verschwimmt, es gibt nur noch Yugans kalte, dunkle Augen, die durch mich hindurch zu blicken scheinen. Meine Lippen bewegen sich, formen Worte, mein Körper richtet sich ohne mein Zutun auf, ich fühle, sehe... und bin doch nur ein Gefangener in mir selbst, nicht in der Lage, irgendetwas zu tun. Yugan stellt Fragen, aber ich höre weder sie noch die Antworten, die ich darauf gebe, es gibt nur diesen kalten, starren Blick, der mich fesselt, mich zu Gehorsam zwingt. Wie anders ist doch die Wärme in Seths braunen Augen, die so offen und voller Gefühl sind, wenn sie mich ansehen.

Der Fehler wird mir in dem Moment bewusst, als Yugan überrascht blinzelt und sich im selben Moment der hypnotische Befehl aufhebt. "Bei Urgashs fauligem Atem, dich hat's ganz schön erwischt, was?" höre ich Rowan, während Gayan mit seiner üblichen, sachlichen Stimme etwas von "eindeutig Dai" und "kein Zweifel" sagt. Yugan zuckt kaum sichtbar mit den Schultern. "Das heisst, wir nehmen ihn mit?"

"Gleich." Rowan beugt sich über mich und mustert mich. "Was kann ich nicht ausstehen?" fragt er und blickt mich herausfordernd an. "Schwarze Muscheln an Knoblauch", antworte ich schwach grinsend und stelle erleichtert fest, dass Rowan ebenfalls grinst. "Wir nehmen ihn mit", sagt er und reicht mir die Hand, um mich auf die Füsse zu ziehen.
"Wie heisst er?"
"Wer? Yugan?" Verwirrt sehe ich zu dem Magier hin, der nun den Inhalt seinen Runenbeutels in die Handfläche kippt und nach den passenden Steinen für unsere Rückkehr sucht. "Nein, der Kerl mit den warmen, braunen Augen..." Rowan grinst nun beinahe im Kreis, und ich knurre. "Geht euch nichts an", sage ich knapp und stelle mich zu Yugan, Arme hinter dem Rücken, Augen geschlossen, bereit für den Zauber.


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 Betreff des Beitrags: Re: Heimkehr
 Beitrag Verfasst: Fr 29. Nov 2019, 02:47 
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Es ist wie immer - genauso verhasst, egal, wie viel dazwischen passiert sein mag und wie sehr ich mich verändert habe. Teleportation ist Teleportation und ich vertrage sie nicht, werde sie wohl nie vertragen. Kurz nehme ich wahr, dass wir in einem runden Raum stehen, hell und lichtdurchströmt, umgeben von dunkelgrünen Pflanzen, und dann trifft mich das Licht wie eine Speerspitze in den Schädel, mein Magen krampft sich zusammen und der Boden bricht unter mir weg - oder es sind meine Knie, die mir den Dienst versagen. Jemand packt mich unter den Armen, sagt etwas, aber ich kann nur noch die Augen zukneifen und ruhig atmen und darauf hoffen, dass es besser wird, wohl wissend, dass das nicht eintreffen wird. Es wäre das erste Mal...

Die nächste Zeit besteht aus Hell und Dunkel, leisen Stimmen und einer unsäglichen Übelkeit. Immer wieder erwache ich von meinem eigenen Würgen, krümme mich in Krämpfen zusammen und spüre, wie man mir mit kühlen Tüchtern das Gesicht abwischt, obschon ich doch schon friere... oder verbrenne? Ich weiss es nicht, weiss nur, dass ich mich so elend fühle, dass ich beinahe auf mein Ende hoffe, damit die Schmerzen endlich nachlassen.

Und dann kommt der Morgen, wo ich mich schwach fühle wie ein Neugeborenes, aber die Decke des Raumes oben bleibt und die Wände nicht mehr schwanken, sondern ruhig ein Zimmer abgrenzen, das ich nicht erkenne. Weisse Wände, weisse Decke, heller Boden, wie ich feststelle, als ich mich zur Seite rolle. Irgendwo höre ich Meeresbrandung, dazu Frauenstimmen, die aber zu weit weg sind, als dass ich sie verstehen könnte. Vorsichtig wälze ich mich wieder auf den Rücken und versuche mich aufzusetzen, aber prompt wogt doch noch eine schwindelnde Welle über mich hinweg und ich lasse mich mit einem Stöhnen wieder auf den Rücken fallen. Was für ein verdammter Mist!

"Dai!" höre ich eine scharfe Stimme, die ich nur zu gut kenne. "Gayan." Ich blinzle den hochgewachsenen Mann an, der plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht ist und bei meinen Füssen steht. "Liegenbleiben. Du bist weit davon entfernt, schon wieder aufstehen zu können." Er klingt wie ein Heiler - wie ein sachlicher, kühler und effizienter Heiler und nicht wie Seth. Ich presse die Lippen zusammen und starre zur Decke hoch.

"Wie lange?" fragte ich leise, und nun klingt er auf einmal menschlicher... besorgter.
"Drei Tage. Kannst du etwas trinken? Es wäre dringend nötig."Mein Mund ist wie ausgetrocknet, und jetzt, wo er es anspricht, wird es mir um so mehr bewusst.
"Ja", antworte ich heiser. "Ich verdurste."
"Kein Wunder." Gayan hält mir einen Becher an die Lippen und stützt mich ein wenig, so dass ich nicht im Liegen trinken muss. Kaum verlässt mein Kopf das Kissen, fängt der Raum sich an zu drehen, und ich stöhne leise, als gleichzeitig eine neue Woge der Übelkeit über mich hinweg rollt.
"Ruhig, Dai", höre ich Gayans Stimme. "Das ist nicht mehr der Teleport. Dir ist nur schwindlig, weil du sehr, sehr geschwächt bist. Du MUSST trinken - erst Wasser, dann Suppe. Also reiss dich zusammen!"

Ich versuche es. Schluck für Schluck trinke ich kühles Wasser aus dem Becher, auch wenn mein Magen dagegen rebelliert. Aber viel vertrage ich noch nicht, und mit einer matten Bewegung drehe ich den Kopf zur Seite.
"Später mehr", murmle ich. "Jetzt liegen."

Gayan sagt nichts, aber ich spüre, wie ich wieder zurück aufs Kissen gebettet werde und er mir die Decke zurecht zupft. "Es wäre gut, wenn du das drinbehalten könntest", sagt er zu mir und sein Grinsen erreicht seine Augen nicht. Er macht sich Sorgen um mich, und ich weiss, dass es mir noch nie so schlecht ging wie dieses Mal.
Warum? Keine Ahnung - vielleicht, weil der letzte Teleport zu lange her war? Oder vielleicht, weil ich kurz vorher hypnotisiert wurde? Oder weil ich zu lange innerhalb einer mächtigen, magischen Barriere war? Oder zu oft Elraths Energie auf mich fokussiert wurde?
"Kann ich", murmle ich und schliesse die Augen. "Und Suppe auch", füge ich dann hinzu, wage es aber noch nicht wieder die Augen zu öffnen. "Ich glaube, ich habe Hunger."

Wie um meine Worte zu bestätigen, knurrt mein Magen, und ich lache leise auf, nur um gleich schmerzerfüllt das Gesicht zu verziehen. Mein Kopf tut immer noch weh, und meine Kehle ist so rau, als hätte ich Säure getrunken. 'Wohl eher ausgekotzt', denke ich und merke dass der Schlaf seine langen Finger wieder nach mir ausstreckt. "Suppe", sage ich noch einmal. "Später." Dann erlaube ich es mir, wieder wegzuschlummern, wissend, dass es jetzt wirklich langsam besser geht.


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 Betreff des Beitrags: Re: Heimkehr
 Beitrag Verfasst: Sa 30. Nov 2019, 00:51 
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Als ich das nächste Mal aufwache, ist es Tag - später Morgen, würde ich von der Beleuchtung her schätzen. Ich fühle mich kräftiger als zuvor, dafür tut mir alles weh, insbesondere der Rücken. Ich strecke mich, räkle mich ein wenig im Bett und setze mich dann langsam auf. Kurz verschwimmt alles vor meinen Augen, dann normalisiert sich meine Sicht und der schwache Schwindel lässt nach, bis ich mich beinahe normal fühle.

Noch steht ein Wasserbecher neben meinem Bett, und ich greife danach, trinke ihn aus und stelle ihn zurück. Ich hätte damit gerechnet, dass spätestens jetzt Gayan auftaucht, aber nein, ich bin immer noch allein. Im Geiste zähle ich auf zwanzig, und als bis dann immer noch niemand aufgetaucht ist, stehe ich auf, wobei ich mich an der Bettkante festhalten muss, weil meine Knie deutlich weicher sind als erwartet.
"Scheisse", murmle ich, während ich mich nach meinen Stiefeln umsehe. Ich trage leichte Leinenhosen und ein weites Hemd, meine Füsse sind nackt, und weit und breit ist nichts von meinen Sachen zu sehen. Nun, wo ich stehe, spüre ich einen eindeutigen Druck auf meine Blase, und mürrisch wanke ich zur Tür, um mich nach einem Abort umzusehen. Die Häuser der Ruhe... Ich war oft hier zu Besuch, aber Patient war ich nur einmal, und an diese Zeit kann ich mich kaum erinnern - nur daran, dass ich damals nicht wirklich in der Lage gewesen wäre, alleine mein Zimmer zu verlassen.

Die Türe ist nicht verriegelt, und auch wenn Gayan gesagt hat, dass ich frei sei zu gehen, überrascht es mich ein wenig, dass es so einfach ist. Wobei einfach hier eindeutig das falsche Wort ist, wo mir doch meine Beine beinahe den Dienst versagen und ich mich nur dem Türrahmen entlang nach draussen schieben kann.Und da stehe ich nun auf einer schmalen Veranda aus hellem Holz, umgeben von einem riesigen Garten mit uralten Bäumen. Ich kenne diesen Bereich - habe zumindest davon gehört - aber selber war ich noch nie hier. Hier in diesem Garten stehen mehrere hölzerne Pavillons, in denen jeweils ein einziger Patient untergebracht ist - Menschen, die aus dem einen oder anderen Grund Ruhe und Zeit für sich selber brauchen, die keine bedenklichen, körperlichen Schäden davon getragen haben und auch keiner aufwändigen Behandlung bedürfen.

Hier war Hasin, wie er einmal erzählt hat, als es ihm noch besser ging... und hier war auch Gayan nach einem seiner Aufträge. Aber ich... Ich hätte nie gedacht, dass auch ich einmal in einem dieser Pavillons untergebracht werde - und irgendwie habe ich das dumpfe Gefühl, dass da Yugan seine Finger im Spiel hat, wäre es doch weitaus logischer, mich in den normalen Häusern der Verletzten unterzubringen, wo man meinen Körper mit Nahrung versorgen kann, während ich meine Reisekrankheit überwinde.

Das Problem, das ich nun habe, besteht darin, dass drei Stufen von der Veranda in den Garten hinunter führen. Und diese drei Stufen sind für mich im Moment genauso unüberwindbar wie die Klippen am Berg der Tänzerin in gesundem Zustand. Wobei, nein. Nach dem Gekletter im Tal würde ich diese Klippen vermutlich sogar schaffen. Das hier dagegen... Ich überlege schon, mich über die Veranda herunter zu erleichtern, als ich Schritte näherkommen höre. Erst denke ich, es ist Gayan, aber dann fällt mir auf, dass sie zu schwer sind, und der Schatten, der von hinten her auftaucht, zu gross.

"Rowan", sage ich leise. "Hast du also auch hierher gefunden..."
"Habe ich." Er tritt zu mir und mustert mich aus etwas Abstand von Kopf bis Fuss. "Solltest du nicht im Bett liegen?"
"Nein." Es klingt vielleicht ein bisschen trotzig, aber sein skeptischer Blick ist gerade nicht das, was ich brauchen kann. "Der Ruf der Natur", erkläre ich dann. "Ich war auf dem Weg zum Abort... und bin an den Stufen gescheitert."

Immer noch betrachtet er mich, dann grinst er und packt mich um die Hüfte, wirft mich über die Schulter und stapft von dannen, ehe ich auch nur im Traum daran denken kann, mich zu wehren. "He! So war das nicht gemeint!" knurre ich zwar, aber jeglicher Widerstand ist zwecklos, wenn Rowan etwas im Kopf hat.


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 Betreff des Beitrags: Re: Heimkehr
 Beitrag Verfasst: Sa 30. Nov 2019, 02:22 
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Dämmerkrieger
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Nur wenig später sitze ich mit ihm auf der Veranda vor dem Pavillon - meinem Pavillon, was mir immer noch recht absurd vorkommt, und wir schweigen beide. Ich spüre, dass er vor Neugier fast platzt, aber er hält sich zurück, und ich mag die Stille noch nicht durchbrechen. Es ist so friedlich hier... Häuser der Ruhe - es ist ein sehr treffender Begriff für diesen Ort.

"Holst du ihn her?" Rowans Frage überrascht mich dermassen, dass ich mit "Ja" geantwortet habe, ehe ich auch nur im Geringsten darüber nachdenken konnte. "Dachte ich mir", sagt er zufrieden. "Und wo ist er jetzt?"

Ich drehe leicht den Kopf in seine Richtung und runzle die Stirn. "Neugiernase."
"Ich weiss." Er lacht.
"Er stammt aus dem Einhornreich", sage ich dann und rede weiter, ehe er einen unpassenden Spruch anbringen kann. "Ritterausbildung, wurde dann aber Heiler. Sein Name ist Seth, falls dir das Gayan nicht längst verraten hat."
"Hat er nicht." Rowan grinst. "Er hält zu meinem Leidwesen gut dicht, wenn man ihm etwas anvertraut."
"Im Gegensatz zu dir alter Klatschtante." Ich muss nun doch auch lachen. "Er ist etwas jünger als ich, etwas kleiner und viel, viel netter."
"Was nicht schwierig ist", unterbricht mich Rowan lachend und weicht meinem halbherzig geführten Schlag gewandt aus. "Klingt aber nicht unbedingt nach deinem Beuteschema?" fährt er dann fragend fort, und ich zucke mit den Schultern. "Doch", sage ich dann. "Mehr als du denkst. Ich war dort in diesem Tal, und glaube mir, ich hatte tausend Dinge im Kopf, die mir wichtiger waren als eine Beziehung - oder auch nur mit jemandem im Bett zu landen. Und dann kam er und hat das alles innert Stunden komplett über den Haufen geworfen." Ich verdrehe die Augen. "Zeitweise kam ich mir vor, als wäre ich du."
"Was soll denn das wieder heissen?" fragt er und blickt mich gespielt grimmig an, bis ich die Schultern zucke. "Ich habe nur noch daran gedacht, wann und wo ich über ihn herfallen kann - mitten unter halbwegs fremden Leuten, die mit Sicherheit nicht mit ansehen wollten, wie zwei Männer... äh... zusammenfinden."

Rowan rollt mit den Augen. "Das ist der Unterschied - und der Grund, wieso du nie so sein wirst wie ich. Ich hätte mir da keinerlei Gedanken um irgendwelche anderen gemacht."
"Es ging ja auch nicht um mich", unterbreche ich ihn sofort. "Sondern um ihn. Bei Asha, er ist ein Heiler aus einem Ritterorden. Ein Elrath-Anhänger." Rowan verdreht seine Augen schon wieder, sagt aber nichts. "Kannst du dir vorstellen, wie das bei Rittern ankommt, wenn ein Mann mit einem Mann..."
"Und darum holst du ihn auf die Insel?" fragt er nun, und ich nicke. "Er hatte ein beschissenes Erlebnis - nicht weil er Männer liebt, sondern weil er einfach nur Pech hatte. Er wurde gefoltert, und er hat Verletzungen, die er bis heute nicht losgeworden ist." Ich lecke mir mit die Lippen, und aus einem Impuls heraus blicke ich Rowan an. "Erinnerst du dich an diese Vampirhöhle, die wir mal ausgeräuchert haben? Zusammen mit einem Trupp Ritter?"

Seine Augen verengen sich, und er mustert mich halb misstrauisch halb interessiert. "Oh ja", sagt er dann. "Ich glaube nicht, dass ich das je vergessen werde. Wieso meinst du?"
"Ich war damals noch ziemlich kaputt..." Er nickt. "Seth auch. Und wir haben uns dort gegenseitig das Leben gerettet, denke ich - nur dass ich erst später begriffen habe, was er getan hat."

"Ich verstehe überhaupt nichts mehr." Stirnrunzelnd betrachtet mich Rowan, versucht Sinn in meine Worte zu bringen und schüttelt den Kopf. "Wer hat dir damalls das Leben gerettet? Du warst doch gar nicht in Gefahr? Und wem hast du..."

"Der Verletzte, den sie gefoltert hatten", ist auf einmal Gayans Stimme zu hören. Lautlos hat der hochgewachsene Krieger sich genähert und setzt sich nun zu uns. "Der Kerl, der ihnen fast unter den Händen weggestorben ist. Dai ist bei ihm zurückgeblieben und hat ihn am Leben gehalten. Und er hat ihm Mittel verabreicht, die eigentlich nur für Dämmerkrieger bestimmt wären." Er mustert mich. "Das war das erste Mal, dass du wieder etwas für jemand anderen getan hast, ohne dass du dir davon irgendetwas versprochen hast. Es war das erste Mal, dass du dich wieder wirklich menschlich verhalten hast."

Ich nicke. "Ich sage doch. Ich habe in dieser Nacht Seth das Leben gerettet und er mir. Ich habe schon vorher versucht, meine Menschlichkeit wieder zu finden, aber erst in dieser Nacht hatte ich zum ersten Mal wieder richtige Gefühle... Ich wusste, dass dieser Junge überleben MUSS, koste es was er wolle."

Rowan hat es noch nicht verstanden. Reichlich verdutzt starrt er uns abwechselnd an. "Der Junge damals", sagt Gayan und schmunzelt. "Das war er, oder?"
"Ja", antworte ich. "Ich konnte es selber kaum glauben, als ich die Zusammenhänge begriff, aber ja. Der Junge, den ich damals um jeden Preis retten musste, ist Seth."
Ich lecke mir nervös über die Lippen. "Er lag da, ein blutendes Bündel Elend, das nur noch sterben wollte, und ich sah es ihm an, wusste, dass er aufgegeben hatte." Verlegen senke ich den Kopf. "Genau wie ich. Ich wollte doch eigentlich so gern zurück zu dem, was ich früher einmal hatte... Ich wollte wieder euer Freund sein, wollte wieder leben und fühlen und... der Dai von früher sein. Aber ich war innerlich tot. Ich fühlte gar nichts mehr, so sehr ich mich auch bemühte. Und damals, als wir diese Vampirhöhle ausgehoben haben, da hatte ich mich eigentlich aufgegeben. Ich wollte leben, aber ich wusste nicht mehr, wie man das tut."

Gayan nickt, und Rowan mustert mich besorgt. Er wusste damals vermutlich sogar besser, wie es mir ging, als Gayan, aber auch er konnte mir damals nicht helfen. "Und dann sah ich ihn da liegen." Ich lächle. "Und ich spüre, dass er den Tod erwartete. Aber er war so jung und er konnte doch gar nichts dafür... Und da standen diese Leute um ihn herum, und ich wusste, dass sie um ihn bangen, und dass sie alles dafür tun würden, dass er weiterlebt - aber sie hätten es nicht tun können, nicht mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln." Ich lächle verkniffen. "Es war eine Kombination aus zwei Dingen", sage ich dann. "Zum einen wollte ich ihnen den Freund wieder geben, den ich euch nicht mehr geben konnte. Ich konnte mich selber nicht wieder zum Leben erwecken, aber ich konnte ihn am Leben halten. Und zum anderen..." Nun erröte ich ein wenig. "Zum anderen wirkte er so jung und unschuldig... und ich dachte für mich, sie hätten lieber mich gefoltert als ihn, ich hätte es verdient gehabt. Aber ich wollte diesen jungen Mann am Leben wissen, weil ich irgendwie dachte, wenn er es schafft, dann... könnte ich es vielleicht doch auch noch einmal schaffen, wieder zu leben und zu fühlen."

Ich blicke verlegen zu meinen beiden Freunden auf. "Klingt absurd, oder?"
"Nein." Gayan lächelt. "Klingt vielleicht etwas kompliziert für jemanden, der nicht in deinem Kopf steckt, aber es ist nachvollziehbar. Und ich bin froh, dass du ihn damals gerettet hast. Das war der Moment, wo es dann auch mit dir sichtlich bergauf ging."

Rowan lacht. "Du hast ihn damals gerettet, und er hat dir ein klitzekleines bisschen geholfen, wieder etwas vernünftiger zu werden. Aber so richtig revanchiert hat er sich sichtlich erst jetzt bei eurer zweiten Begegnung." Er stupst mich leicht vor die Brust. "Ich hätte dir fast die Kehle durchgeschnitten, als du meine Umarmung erwidert hast. Aber du hast dabei so glücklich ausgesehen, dass ich es vermutlich nicht einmal übers Herz gebracht hätte..."

Ich nicke, und auch wenn meine Wangen brennen, blicke ich meine beiden Freunde offen an. "Ja", sage ich. "Er hat mir in diesen Wochen im Tal beigebracht, wieder mehr zu fühlen... und mehr Gefühle zuzulassen. Und..." Ich zögere. "Ich habe ihm versprochen, dass ich keine Aufträge auf dem Festland mehr annehmen werde. Ich war schon vorher unsicher, was ich eigentlich will, und die Sache mit meinen Doppelgängern hat mir fast den Rest gegeben. Das... will ich so oder so nie wieder erleben und auch nicht riskieren." Ich atme tief durch. "Und daher will ich hier Ausbilder werden. Wie Umadair."

Rowan verdreht schon wieder die Augen. So langsam könnte man fürchten, dass sie ihm gleich aus dem Kopf fallen. "Wie Umadair", wiederholt er und schüttelt den Kopf. "Wenn du meinst."
"Ja, ich meine", antworte ich gutmütig. "Ich habe es mir gründlich überlegt." Mein Blick fällt auf Gayan, der schweigend da sitzt, und mein Herz wird mir schwer, als ich daran denke, was er in letzter Zeit für Aufträge übernommen hat - übernehmen musste. Er tötet schnell und effizient, scheint nicht viel nachzudenken und das Ganze mit einer so sachlichen Distanz zu tun, dass man ihm mehr und mehr der hässlichsten Aufträge zuschanzt, die sonst keiner haben will. Und er? Er erledigt sie einen nach dem anderen so distanziert und doch so perfekt, dass man gar nicht darauf kommen könnte, dass er dabei etwas empfindet. Er erinnert mich an mich selber damals... Und auch wenn der Gayan zwischen den Aufträgen viel menschlicher ist, als ich es je war, fällt mir auf, wie viel härter seine Züge in den letzten Jahren geworden sind... und wie viel kälter seine einst so freundlichen Augen. Doch nun blickt er mich mit einer ungeahnten Wärme an und lächelt - ganz im Gegensatz zu Rowan kann er mich offenbar nicht nur verstehen, sondern akzeptiert meine Entscheidung und findet sie wohl nicht einmal schlecht.


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 Betreff des Beitrags: Re: Heimkehr
 Beitrag Verfasst: So 1. Dez 2019, 00:08 
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"Und er zieht zu dir auf die Insel", sagt Gayan "Ist er damit einverstanden?"
"Er musste sich sein Leben lang verstecken", antworte ich. "Seine Vorlieben, meine ich. Er lebte stets in Angst, und er muss furchtbare Dinge gesehen haben... Ihr wisst, was teilweise auf dem Festland mit Männern geschieht, die Männer lieben." Rowan und Gayan schweigen beide, aber ich weiss, dass sie es wissen. Jeder weiss es... und ich weiss auch, dass Rowan schon mehr als einmal Prügel kassiert hat, weil er sich nicht diskret genug verhielt.

Ich atme tief durch. "Und deswegen nehme ich ihn so oder so hierher, hatte es von Anfang an vor und hätte ihn selbst dann mitgenommen, wenn wir keine Beziehung angefangen hätten, sondern nur... ich weiss auch nicht... ein paarmal im Bett gelandet wären, um den dauernden Stress dort im Tal abzubauen. Ich wollte ihm einfach zeigen, wie das Leben sein kann, wenn man sich nicht dauernd verstecken und verstellen muss."

Rowan nickt. "Das immerhin kann ich nachvollziehen. Und nun, wo ihr mehr seid als nur gegenseitiger Stressabbau, wollt ihr wieder auf dein Gut ziehen?"
"Ja." Ich lächle. "Und Schüler aufnehmen. Waisen... oder solche, die von weiter weg kommen und abends nicht einfach nach Hause gehen können. Es gibt genügend Leute, die froh um so ein Angebot sein werden."
"Allerdings", stimmt Gayan mir zu. "Die Idee gefällt mir. Und er? Wird er als Heiler arbeiten?"

Ich zucke mit den Schultern. "Wenn er will. Und wenn man ihn brauchen kann. Er weiss noch nichts davon, wie wir arbeiten, kennt unsere Art mit körpereigenen Energien umzugehen nicht. Und, naja... Er ist ein Elrath-Gläubiger und ruft Elrath an, um zu heilen. Ich weiss nicht, wie viele verletzte Dämmerkrieger sich gerne auf diese Weise heilen lassen."
"Energie ist Energie." Gayan zuckt mit den Schultern. "Ob das nun jene des Heilers oder jene eines Drachen ist. Und wenn er Elraths Magie durch sich leiten kann, wird es ihm relativ leicht fallen, auch unsere Techniken zu lernen." Er lächelt. "Heiler können wir hier auf der Insel immer gebrauchen. Auch wenn er ein Festländer ist - er wird hier mehr als genug zu tun bekommen, wenn er das will."

Rowan reibt sich das Kinn. "Ein Elrath-Gläubiger. Ausgerechnet Elrath... Dai, wirklich, ich freue mich für dich, aber... Bist du sicher, dass dieser Heiler der Eine ist? Der einzig Wahre?"
"Nein." Ich grinse. "Er ist nicht der einzig Wahre, er ist einfach nur ein herzensguter, liebevoller, sanfter Mensch, der mich aushält. Und..." Ich blicke Rowan an, obschon meine Wangen glühen. "Er ist der einzige Mensch, den ich tagelang in meiner Nähe aushalte, und den ich ohne nachzudenken berühren kann - und damit meine ich nicht nur im Bett sondern den Umgang im Alltag. Er ist der erste Mensch, mit dem ich mir wirklich vorstellen kann, ein Haus zu teilen... und ein Leben."
"Und wenn er dich ebenso aushält, dann ist er entweder schwer verliebt oder ungewöhnlich tolerant", antwortet Rowan und erntet einen Ellbogenstoss von mir. "Nun gut, du verliebter Esel, hast du auch weitergedacht als bis hin zu: 'Und sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende aller Tage?"

"Was meinst du?" Ein unangenehmes Gefühl macht sich in mir breit. Habe ich etwas übersehen?
Gayan nickt langsam. Im Gegensatz zu mir scheint er zu verstehen, worauf Rowan hinaus will.
"Was ist das Problem?" frage ich leise. "Was muss ich weiterdenken?"
"Die Gesetze der Insel." Rowan sieht mich an, und das unangenehme Gefühl verdichtet sich zu einem eiskalten Klumpen in meinem Magen. "Die Gesetze der Insel", wiederhole ich. "Die ihn zu einem Gefangenen im eigenen Haus machen, ausser, wir finden eine Lösung, ihn zu einem Bürger der Insel zu machen. Und das geht nur..."

"Drei Möglichkeiten", fällt mir Gayan ins Wort. "Er wird zum Dämmerkrieger. Das sollte machbar sein, da wir eigentlich immer Heiler benötigen. Wenn er den Umgang mit unseren Energien auch nur so halb lernt, wird er damit eine Prüfung bestehen können und als Heiler zum Dämmerkrieger ernannt werden können."
Ich schüttle den Kopf bereits, während Gayan noch redet. "Unmöglich", sage ich zu ihm. "Er ist ein Heiler des Drachenordens. Er wird sich nie auf so etwas einlassen."
"Er will hierher ziehen." Rowan lacht. "Ich denke, spätestens wenn er den ersten Fuss auf die Insel setzt, ist klar, dass er diesen Drachenorden und all dessen Verpflichtungen hinter sich zurück lässt. Er kann nicht hier mit dir leben, wenn er noch einem Orden angehört, dem er dienen muss."

Unruhig lecke ich mir die Lippen und kaue darauf herum. Sie haben recht, ich weiss es, und doch habe ich das dumpfe Gefühl, dass Seth sich niemals darauf einlassen wird. Er, ein Dämmerkrieger? Schon nur die Bezeichnung ist unpassend für einen Mann, der in diesem Leben keine Waffe mehr tragen, geschweige denn führen wird. "Die anderen Möglichkeiten?" Ich ahne, worauf Gayan hinaus will, habe mir selber schon ähnliche Gedanken gemacht, aber es aus seinem Mund zu hören, wird mir nur bestätigen, was ich schon fürchte.


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 Betreff des Beitrags: Re: Heimkehr
 Beitrag Verfasst: So 1. Dez 2019, 01:00 
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"Der Drachenbund." Gayan lächelt nicht, er grinst wie ein Wolf. "Du trittst mit ihm vor die Drachen, ihr geht den Bund fürs Leben und darüber hinaus ein, und niemand wird mehr anzweifeln, dass er hier auf die Inseln und zu dir gehört."

Ich nicke nur, gebe mich kühl und sachlich und hoffe, dass die beiden nicht bemerken, wie schnell mein Herz gerade schlägt. Der Drachenbund... Kurz hat mich dieser Gedanke ebenfalls schon durchzuckt, aber... In mir schnürt sich alles zusammen beim Gedanken daran, Seth so etwas vorzuschlagen, so etwas... Bindendes. Bei den Drachen, ich hielt diesen Bund immer für etwas so Altes und Traditionelles und vor allem Gewichtiges... Niemals, wirklich niemals hätte ich damit gerechnet, einmal an einem teilzunehmen, und wenn, dann höchstens als Bürge. Aber mit jemandem vor die Drachen zu treten? Mir schwindelt schon nur bei diesem Gedanken, und ich fröstle. Ist es mir wirklich so ernst mit Seth, dass ich das tun würde?
Ja, antworte ich mir gleich selbst, und diese Erkenntnis lässt mein Herz nur noch schneller schlagen. Ja, mit Seth würde ich vor die Drachen treten. Nervös knete ich meine Hände, ertappe mich dabei und verschränke die Arme vor der Brust. "Ich weiss", sage ich trocken, kann aber nicht verhindern, dass meine Wangen erneut glühen.
"Sieh dir das an und geniesse es", höre ich Rowans Stimme über das Rauschen in meinen Ohren hinweg. "Ein verliebter Dai."
"Schnauze", fauche ich und starre auf den Boden. Durchatmen. Ruhig und neutral bleiben. Es ist eine völlig hirnrissige Idee mit dem Drachenbund, es bringt gar nichts, überhaupt darüber nachzudenken. Nein, es wird keinen Drachenbund mit Seth geben.

"Die dritte Möglichkeit?" frage ich Gayan und weiss, dass diese es sein wird, auch wenn ich sie am wenigsten von allen hören will.
"Die graue Stadt." Gayan blickt zu mir. "Du verhandelst mit dem Grauen Herren und besorgst für Seth die Papiere, dass er in die Stadt ziehen darf. Von dort zu uns ist es dann nur noch ein kleiner Schritt, der sich mit ein paar Formalitäten einfach regeln lässt. Nur Papierkram." Er sieht mich an, und sein Blick verrät mir, dass er etwas ahnt...
"Man muss natürlich bedenken, dass der Graue Herr seit Jahren niemanden mehr in der Stadt akzeptiert hat, und dass er wahlweise unglaubliche Summen dafür verlangt oder dann praktisch unerfüllbare Aufgaben stellt, die man erledigen muss, damit er es auch nur annähernd in Betracht zieht." Er lächelt dünn. "Ausser natürlich, man hätte Beziehungen zu ihm oder seiner Familie und könnte dadurch vielleicht etwas drehen, dass es einfacher wird."

"Habe ich." Ich knurre es förmlich und wage es nicht, den Blick zu heben. Woher weiss es Gayan? Wie kommt er darauf?
"Hat er?" fragt Rowan und wirkt genauso überrascht und unwissend, wie ich Gayan auch gern hätte.
"Ja", gibt Gayan zurück. "Ich denke, er könnte von dem Grauen Herrn so ziemlich alles bekommen, was er nur will, wenn er es richtig angeht. Nur..." Er lacht leise. "Die Frage ist, ob er das will, um Seth auf die Insel zu bekommen. Es wäre irgendwie ein Widerspruch in sich."

"Das klingt... irgendwie falsch." Rowan schmunzelt. "Man könnte fast den Eindruck bekommen, er schläft sich mit dem Grauen Herren zu einem Bürgertum für Seth..."
"Nicht mit dem Grauen Herren persönlich", höre ich und blicke nun doch gereizt zu Gayan. "Halt den Mund! Ich muss erst mit Seth über die anderen beiden Lösungen reden." Ich verziehe das Gesicht. "Und dann muss ich den Grauen Herren fragen, was er dafür wollen würde. Und falls das nicht erfüllbar ist - und NUR dann, müsste ich noch andere Wege zu gehen versuchen." Wege, die mich in das Bett eines ausgesprochen gutaussehenden, jungen Mannes treiben würden. Und das dürfte Seth niemals erfahren...

Gayan setzt zu einer Antwort an, aber Rowan fällt ihm ins Wort. "Hast du dort eine Adlige an der Angel?"
"Einen Adligen", korrigiere ich ihn und funkle die beiden an. "Und 'an der Angel haben' ist bei weitem übertrieben. Ich könnte vermutlich durch einige kleine... äh... Gefälligkeiten an dieses Bürgertum für Seth herankommen, aber ich möchte das eigentlich sehr gerne vermeiden." Auch wenn er wirklich gut aussieht und sich mir die Nackenhaare aufstellen, wenn ich an seine Stimme denke. Ich beisse mir auf die Lippe, bis der Schmerz mich wieder zu Verstand bringt.


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 Betreff des Beitrags: Re: Heimkehr
 Beitrag Verfasst: So 1. Dez 2019, 01:17 
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"Nun", sage ich dann in sehr sachlichem Ton. "Ich war lange weg. Was gibt es denn von den Inseln so zu berichten?"

Rowan reibt sich das Kinn. "Wenn wir schon bei der Grauen Stadt sind... Es gab einen Zwischenfall bei der letzten Ratsversammlung. Was genau passiert ist, weiss keiner, aber sämtliche Ratsmitglieder sind aus dem verschlossenen Ratssaal verschwunden. Der Einzige, der danach wieder aufgetaucht ist, war ein Berater der Katzen, der im Vorraum gewartet hatte. Er konnte sich kaum artikulieren, schien die Gemeinsprache vergessen zu haben und wirkte, als hätte der Wahnsinn von ihm Besitz ergriffen. Er ist hier." Rowan nickt in Richtung des grossen Haupthauses. "Er liegt irgendwo in den Häusern der Ruhe und wartet auf die Rückkehr seines Verstandes. Und alles, was er bisher äussern konnte, war, dass es eine Falle gewesen sei, und dass das Katzenvolk als einziges in sich einig sei. Die beiden anderen seien die Opfer von Verrätern geworden. Alles sehr mystisch..."

Ich atme tief durch und blicke mich um, ehe ich mit leiser Stimme weiterspreche. "Dass wir nicht in uns einig sind, weiss ich seit Eichhörnchen." Beide nicken stumm. Dieses Thema ist heikel, und wir sind hier an einem doch recht öffentlichen Ort. Trotzdem spreche ich weiter. "Dass es bei den Seeelfen kriselt, überrascht mich dagegen. Wisst ihr mehr?"

Rowan nickt, und auch wenn er selber recht nervös aussieht, beginnt er zu erklären. "Sie fürchten eine nahende Konstellation von Planeten, die irgendein Gleichgewicht stören wird. Und während ein Teil von ihnen der Meinung ist, man müsste mit Irollan Kontakt aufnehmen und nach einer gemeinsamen Lösung suchen, denken andere, man solle Irollan sich selbst überlassen und den eigenen Arsch retten, indem man..." Er zuckt mit den Schultern. "Ich weiss nicht. Die einen wollen etwas tun, die anderen nicht, aber worum es genau geht, ist nicht so wirklich klar. Elfengeheimnisse, würde ich sagen." Er blickt mich an.
"Weisst du übrigens, wer im Ratssaal Wache schob und ebenfalls verschwunden ist? Nein?" Sein Blick verengt sich, und seine Stimme wird sehr, sehr leise. "Eichhörnchen."
"Was?" Ich starre ihn an. "Wieso? Ich meine... Was hatte der im Ratssaal zu suchen? Für normalen Wachdienst ist er doch viel zu hochrangig?"

Rowan zuckt mit den Schultern. "Genau das ist die Frage", sagt er dann. "Was hat ein hochdotierter Kämpfer im Ratssaal verloren? Und wer war noch mit ihm da drin? Und ist der Zweite ebenfalls verschwunden?"
"Alle sind verschwunden", wiederholt nun Gayan. "Bis auf jenen Überle... Übriggebliebenen vom Katzenvolk, der zu verrückt ist, um klare Antworten geben zu können. Rowan und ich haben dort Spuren gesucht, andere ebenfalls. Keiner hat etwas gefunden. Selbst die Katzen mit ihren scharfen Näschen haben nichts erreicht."
"Gar nichts?" frage ich. "Ihr habt diesen Raum also gründlich durchsucht und gar nichts entdeckt? Nichts?"

Gayan und Rowan haben einen kurzen Blickwechsel, dann spricht Gayan weiter. "Das Einzige, was wir gefunden haben, hat, genau gesagt, einer vom Katzenvolk gefunden: Grauen Staub, der vermutlich an einer Schuhsohle haftete. Wenn wir sehr mutig die ganzen Ratsleute und ihre Berater ausschliessen, könnte es sein, dass jemand diesen Staub zurückgelassen hat, der mit der Entführung zu tun hatte."
Ich nicke. "Klingt plausibel. Könnte aber genauso gut von einem der Ratsmitglieder oder der sonstigen Teilnehmer gekommen sein."
Ich reibe mir nachdenklich die Nasenwurzel und blicke dann wieder zu den beiden Dämmerkriegern, die mich wachsam und sichtlich auch ein bisschen besorgt beobachten. "Wer könnte ein Interesse daran haben, alle Ratsmitglieder verschwinden zu lassen?" frage ich dann - eher laut denkend, als dass ich eine Antwort erwarten würde. "Wem bringt das etwas? Ich meine, unsere Völker leben nicht einmal auf derselben Insel. Wem also könnte es etwas bringen, auf allen Inseln eine Person zu entfernen, die zwar in einem gemeinschaftlichen Rat sitzt, ansonten aber nicht wirklich über Macht beim eigenen Volk verfügt." Ich zögere, ehe ich weiterspreche. "Oder ging es letzten Endes gar nicht um die Ratsmitglieder, sondern um die Bewacher? Aber das wäre vollkommen absurd."

"Du hast recht", sagt Gayan nachdenklich. "Es bringt niemandem etwas, den Rat zu schwächen oder zu zerstören, denn der Rat hat eigentlich überhaupt keinen Einfluss ausser auf die Graue Stadt. Und selbst in der Stadt hat der Graue Herr das Sagen, und die Ratsmitglieder können nur tun, was ihr Name sagt: Rat geben. Sie deswegen verschwinden zu lassen, ergibt überhaupt keinen Sinn."
"Dann wäre es vielleicht interessant zu überlegen, ob nur eine einzelne Person aus dem Weg geräumt werden sollte", sagt Rowan langsam. "Und die anderen waren Kollateralschaden... Verschwanden, um zu verbergen, dass nur einer hätte verschwinden müssen. Und das wiederum lässt uns dann viel zu viel Spielraum." Er scheint zu überlegen. "Da haben wir zum einen sämtliche Ratsmitglieder, aber auch sämtliche sonstigen, anwesenden Personen. Und da kommt dann so einiges zusammen - und so einiges an möglichen Gründen für ein Verschwinden." Er leckt sich über die Lippen. "Der Ärger der Seeelfen wegen dieser Sternkonstellation. Unsere internen Probleme. Dann Katzenvolk... Da geht es letzten Endes immer irgendwie um Geld. Und Eichhörnchen." Er starrt nun vor allem mich an. "Eichhörnchen und sein verdammter Kampf um die Traditionen. Und wer weiss, was die anderen da noch für Leute drinstehen haben."

Auf einmal fühle ich mich voller Tatendrang. "Nun, ich denke, es deutet alles auf dieselbe Lösung hin", sage ich nachdenklich. "Die verschwundenen Ratsmitglieder könnten doch ein netter Auftrag sein, den der Graue Herr mir im Austausch für Seths Bürgertum nennt." Rowan lacht trocken, aber ich fahre ungeachtet dessen fort. "Ich werde dorthin reisen und mich erkundigen, was es alles braucht, dass Seth ein Bürger der Grauen Stadt werden kann. Und dann werde ich tun, was ich schon einmal getan habe, und nach Eichhörnchen suchen." Ich grinse schief. "Und ich werde ihn wieder finden."

"Dann komme ich aber mit." Rowan steht auf. "Noch einmal lasse ich dich nicht alleine nach diesem Idioten suchen. Ich habe noch nie verstanden, was du an dem findest - erst recht nicht nachdem es dich letztes Mal fast das Leben gekostet hat, ihn zu befreien und du nicht wirklich Dank dafür bekommen hast. Oder irre ich mich da?"
Ich zucke mit den Schultern. "Schöne Peitschennarben", sage ich grinsend. ehe ich wieder ernster werde. "Es bringt jetzt nichts, darüber zu spekulieren", sage ich leise aber mit fester Stimme. "Ich werde hingehen müssen, um mit dem Grauen Herren zu reden. Und dann werde ich wissen, was ich brauche, um Seth hierher holen zu können. Habe ich das erstmal erledigt, kümmere ich mich um Eichhörnchen - und, so die Drachen wollen, den Rest des Rates."

Ich blicke von Gayan zu Rowan und zurück. "Kommt ihr mit?"
"Und was ist mit unseren Vorgesetzten?" fragt Gayan leise. "Ich meine, du bist freigestellt im Moment. Wir nicht."
"Aber ich bin Schattengreifer und dein direkter Vorgesetzter, Gayan." Rowan steht auf und grinst dabei breit. "Und das sollte reichen. Im Moment ist die Auftragslage eher mau, da wird es niemanden stören, wenn wir dich begleiten." Er verzieht nachdenklich das Gesicht. "Ich werde von dem verschwundenen Rat sprechen, das wird als Grund ausreichen."

Nun streckt er mir die Hand entgegen, und ich ergreife sie, auch wenn sich meine Beine wie Mollys Haferbrei anfühlen und ich Angst habe, dass Rowan mich schlicht von den Füssen reisst. "Du bist entlassen, oder?" fragt er. "Oder muss ernoch bleiben, Gayan?"
Der Heiler schüttelt den Kopf. "Müssen nicht, nein. Es wäre gut, wenn er bliebe, weil es seiner Gesundheit zuträglich wäre, noch viel zu schlafen und gesundes Essen zu bekommen - beides hat er nicht, wenn er mit dir unterwegs ist. Aber müssen tut er gar nichts." Er blickt zu mir. "Du bist ja nicht krank oder verletzt - nur angeschlagen. Und kein Arzt könnte dich zwingen hierzubleiben, ich selber am allerwenigsten." Er grinst schief. "Ich denke nämlich, ich würde dich gern begleiten. Schon nur, um zu sehen, was dein Problem mit dem Grauen Herrn ist."

Verdammt, ich erröte schon wieder. "Da gibt es kein Problem", knurre ich und trete zum Geländer der Veranda, um mich darauf zu stützen. "Morgen", sage ich dann. "Heute Nacht schlafe ich mich noch einmal aus, esse dieses gesunde Essen, von dem du erzählt hast, Gayan, und dann mache ich mich morgen früh auf den Weg in die Graue Stadt."
"Und dein Gut?" fragt Rowan, und ich zögere. "Was meinst du damit?"
"Willst du es dir denn nicht ansehen?"
"Später. Denke ich." Ich überlege, wie ich Rowan am besten klar mache, wovor ich mich fürchte, und entscheide mich dann für eine Halbwahrheit. "Weisst du, ich war ewig nicht zuhause", sage ich vorsichtig. "Es wird katastrophal aussehen. Und es ist meiner Erholung nicht gerade zuträglich, wenn ich erst stundenlang aufräumen muss, ehe ich mich wieder hinlegen kann - vom Kochen ganz abgesehen."
"So gesehen." Rowan scheint noch etwas murren zu wollen, lässt es aber und zuckt mit den Schultern. "Dann will ich dich hier nicht länger von deinem wohlverdienten Schlaf abhalten", sagt er, und sein Blick sieht besorger aus, als ihm vermutlich bewusst ist. "Als ob du die letzten Tage nicht genug geschlafen hättest."
"Rowan", sagt Gayan warnend, und ich grinse zu beiden. "Seht zu, dass ihr im Morgengrauen bereit steht - ich will die Stadt spätestens gegen Mittag erreicht haben", erkläre ich und wende mich dann langsam der Tür zu meinem Pavillon zu. "Und Gayan? Es wäre wirklich sehr, sehr nett, wenn du dir etwas einfallen lassen würdest, das mir morgen dabei hilft, mich aus eigener Kraft zu bewegen und nicht dauernd Schwindelanfälle zu haben."
"Ich bin Heiler, kein Magier", knurrt er, nickt aber bedächtig. "Ich überlege mir etwas. Wobei du eigentlich wirklich nur auf meinen Rat hören solltest: Schlaf, Ruhe, Essen. Keine langen Ausflüge zu weit entfernten Städten..." Er grinst schief. "Städten, wo jemand nur darauf wartet, dich in sein Bett zu zerren. Sex ist viel zu anstrengend in deinem Zustand und der Heilung mit Sicherheit nicht förderlich."
Ich deute an, ihn zu schlagen, er duckt sich lachend weg, und dann wanke ich endgültig zurück zu meinem Bett, plumpse auf die weiche Matratze und bin eingeschlafen, ehe ich gehört habe, wie Rowan und Gayan sich entfernen.


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 Beitrag Verfasst: Mo 2. Dez 2019, 03:07 
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Als ich das nächste Mal aufwache, ist es dunkel. Von draussen fällt schwaches Licht in meinen Raum, vermutlich brennt irgendwo eine einsame Laterne. Mein Kopf fühlt sich seltsam leer und leicht an - das Gefühl, das man nach überstandener Krankheit hat, wenn das Fieber weg ist, man aber noch nicht wieder im Vollbesitz seiner Kräfte ist. Langsam setze ich mich auf und lasse meinem Körper Zeit, sich an die Bewegung zu gewöhnen. Und es klappt tatsächlich insofern, dass der Schwindel dieses Mal ausbleibt, auch, als ich meine Beine seitlich aus dem Bett schwinge und mich langsam bis zum Stehen aufrichte. Ich bin immer noch etwas geschwächt, aber trotzdem habe ich zum ersten Mal seit meiner Ankunft auf den Inseln wirklich das Gefühl, dass ich durchaus stehen und gehen kann und nicht einfach nur ein nutzloser Sack Fleisch und Knochen bin.

Langsam und vorsichtig, aber durchaus auf sicheren Füssen begebe ich mich zur Tür und trete hinaus auf die Veranda, wo ich mich wieder am Geländer festhalte, dieses Mal aber wirklich nur noch zur Sicherheit. Es ist noch Nacht, sternenklar und kühl, aber nun, wo ich draussen bin, erkenne ich im Westen einen schmalen, grauen Streifen. Der Morgen naht. Wie so oft bin ich genau dann aufgewacht, als ich es wollte - so lange vor Morgengrauen, dass ich die Zeit habe, meinen Körper an Bewegung zu gewöhnen, ehe Rowan und Gayan hier auftauchen.

Ich kreise mit den Schultern, gehe ein- zweimal in die Knie und trete dann sehr konzentriert die Stufen der Veranda herab, bis ich Gras unter meinen nackten Füssen spüre. Und hier beginne ich nun sehr langsam und sehr konzentriert eine der einfachsten und am wenigsten anstrengenden Formen abzulaufen. Es dauert eine ganze Weile, bis ich wieder in meinen Atemrhythmus finde und meine Bewegungen fliessender werden. Ich bin noch weit von der vertrauten Geschmeidigkeit entfernt, aber es wird immerhin mit jedem Schritt etwas besser.

Mit der Zeit versinke ich in den beinahe meditativen Zustand, den ich einst Seth zu erklären versucht hatte, und ich denke nur noch an die jeweils nächste Bewegung, den nächsten Atemzug. Mein Körper bewegt sich in den altvertrauten Mustern, und nachdem ich die erste Form dreimal durchlaufen habe, wechsle ich auf eine Anspruchsvollere, die mir vor allem Gleichgewicht abverlangt, wenn auch nicht allzu viel Kraft.

So versunken bin ich in meine Schritte, dass ich erst nach einer Weile wahrnehme, dass ich beobachtet werde. Da steht jemand auf der Veranda und sieht mir zu, rührt aber keinen Muskel. Aus dem Augenwinkel nehme ich nur wahr, dass es eine hochgewachsene Gestalt ist, schlanker als Rowan und sogar als Gayan habe ich den Eindruck. Kurz verliere ich den Takt, während ich darüber nachdenke, wer da stehen mag, aber dann reisse ich mich zusammen und laufe die Form weiter, als ob das das Einzige wäre, was ich im Moment im Sinn habe... als hätte ich dies nicht nur angefangen, um meinen Körper wieder geschmeidig zu machen für die Reise, die vor mir liegt. Mit einem angedeuteten Tritt, einer Serie von fünf Schlägen und einem Tritt mit halber Drehung bleibe ich schliesslich vor dem Zuschauer stehen und blicke auf.

"Yugan." Ich sage es so neutral wie möglich, obschon mein Herz heftiger schlägt, als mir lieb ist. Yugan... Ich kann ihn nicht einschätzen... Ich mag ihn, schätze ihn... Aber gerade in Zusammenhang mit der politischen Situation der Dämmerkrieger, weiss ich nicht, in wie weit ich ihm vertrauen kann. Seine Familie war eine der ersten, die den alten Tradtionen mit einem Schulterzucken den Rücken gekehrt hat. Und er... So sehr ich ihn auch zu schätzen gelernt habe, weiss ich doch, wie treu er seiner Familie ist, und wie viel er für sie getan hat und immer noch tut. Wenn er erfährt, dass ich zur Grauen Stadt reisen will... Wenn er erfährt, weshalb...
"Dai." Er lächelt den Hauch eines Lächelns, so sparsam, dass ich es mehr errate, als dass ich es wirklich sehen würde. "Ich bin froh zu sehen, dass du wieder auf den Beinen bist. Du kannst sagen, was du willst, aber ich habe trotzdem immer ein schlechtes Gewissen nach den Teleportationen."
"Es geht mir gut", sage ich und lächle ebenfalls. "Ich bin noch nicht wieder ganz bei Kräften, aber ich werde mich rasch erholt haben, denke ich."
"Und dann?" fragt er mit einer absolut undurchdringlichen Miene. Verdammter Empath! Ich bin sicher, er liest mich gerade wie ein offenes Buch, und ich selber habe keine Ahnung, was er denkt... oder was er von mir will. "Und dann werde ich mal sehen, wie es in der Zwischenzeit meinem Haus ergangen ist", erkläre ich, weiche Yugans Blick aber aus. Er nickt. "Was ist mit Seth?"

Verdammt! "Seth... werde ich sicher wieder treffen", sage ich gedehnt und blicke auf meine Hände, die von der Anstrengung vorhin leicht zittern. Nein, ich bin wirklich noch nicht in alter Form.
"Um ihn hierher zu holen." Es ist eine Feststellung, keine Frage, und so nicke ich nur, blicke dann doch auf und zeige Yugan, dass ich zumindest hiervon sehr überzeugt bin. "Das wird nicht einfach."
"Ich weiss." Ich knurre es förmlich, und er lächelt auf eine Art und Weise, dass ich ihn würgen könnte. "Bist du deshalb zu solch einer Unzeit hier?" frage ich etwas gereizter als ich eigentlich will, und er schüttelt den Kopf. "Ja und nein, aber eigentlich eher nein. Ich wollte nur... naja... Sehen, wie es dir geht, bevor du dich selbst entlässt. Und nachdem ich Gayan sagen hörte, dass du wieder bei Bewusstsein und einsatzfähig seist, dachte ich mir, dass du nicht mehr lange hier anzutreffen sein wirst - und du bist nun mal jemand der im Morgengrauen aufbricht..." Er lächelt, ohne dass es seine Augen erreicht. "Und ich bin ein Nachtmensch und eigentlich auf dem Weg nach Hause nach einer langen Nachtwache."

"Also", sage ich bemüht ruhig. "Es geht mir gut, wie du siehst. Und ich will jetzt nach Hause gehen. Willst du..." Ich zögere. "... mich begleiten, da wir nun mal Nachbarn sind?" Es war eigentlich nicht mein Plan, noch zuhause vorbei zu gehen, aber eigentlich wäre es gar nicht so dumm: Dort habe ich Ausrüstung, die ich unterwegs gut werde brauchen können, und dazu frische, saubere Kleidung... Und Rowan und Gayan werden hoffentlich wissen, wo sie mich finden können, wenn sie mich hier nicht mehr antreffen.
"Gern." Yugan lächelt immer noch. "Brauchst du noch etwas aus dem Zimmer?" Ich zögere. Ich war noch nie hier und habe keine Ahnung, wie ich mich entlassen kann... Ob ich einfach gehen kann und später dann meine Sachen abholen... Ob ich jemandem Bescheid sagen muss... Wo meine Sachen sind, mit denen man mich hergebracht hat...

"Ich kümmere mich um die Formalitäten", erklärt Yugan, ohne dass ich ein Wort gesagt habe. Verdammter Empath! "Keine Sorge, das ist kein Problem." Er mustert mich von Kopf bis Fuss und schmunzelt dann. "Du solltest dir etwas überziehen und vor allem brauchst du Schuhe. Soll ich dir helfen, die Sachen zusammen zu suchen, oder schaffst du das, während ich mich um deine Entlassung kümmere?"
"Ich schaffe das", knurre ich leise und gehe zurück ins Zimmer, ohne mich noch einmal nach Yugan umzusehen. Irgendwie war das jetzt nicht ganz nach Plan.


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